Barbara Harris (1935–2018) war eine Schauspielerin mit einer seltenen Mischung aus Scheu, Frechheit und Melancholie. Ihr Gesicht konnte in Sekunden von verträumter Zerstreutheit zu blitzgescheiter Klarheit wechseln, und genau diese Wandelbarkeit machte sie für eigenwillige, oft leicht exzentrische Figuren ideal. Aus dem Improvisationstheater kommend, brachte sie in ihre Filmrollen eine lebendige Spontaneität ein, die immer ein wenig so wirkte, als könne gleich etwas völlig Unerwartetes passieren.
In Alfred Hitchcocks Family Plot spielt Harris die falsche Hellseherin Blanche Tyler, die sich mit ihrem Freund durch ein Geflecht aus Betrug, Entführung und falschen Identitäten laviert. Ihre Blanche ist zugleich Scharlatanin und verletzliche Suchende, eine Figur, die zwischen echtem Instinkt und gespielter Vision schwankt. Hitchcock nutzt Harris’ quirlige Intelligenz, um seinem letzten Film eine leichte, fast spielerische Oberfläche zu geben, unter der es dennoch bedrohlich brodelt. Dass der Film mit einem augenzwinkernden Blick von Barbara Harris in die Kamera endet, macht sie gewissermassen zur letzten Person, die das Hitchcock-Universum verlässt – eine schelmische Medienfigur, die das Geheimnis bewahrt.