Plot
«Easy Virtue» beginnt mit einer Scheidungsverhandlung, deren Vorgeschichte der Film in Rückblenden enthüllt. Larita Filton lebt in einer lieblosen Ehe mit dem eifersüchtigen, gewalttätigen Aubrey, der sie regelmässig demütigt. Trost findet sie beim sensiblen Maler Claude, der sie porträtiert und sich in sie verliebt; als er sie eines Tages bittet, ihren Mann zu verlassen und ihn zu heiraten, weist sie ihn zurück und versucht, Distanz zu wahren.
In diesem Moment platzt Aubrey ins Atelier und sieht Larita scheinbar in Claudes Armen, missversteht die Situation und beschimpft sie als untreu. Es kommt zum Handgemenge, Claude zieht eine Pistole, ein Schuss fällt, und der Maler bricht tödlich getroffen zusammen.
Vor Gericht wird Larita zur Angeklagten in der Scheidungssache: Aubrey wirft ihr Ehebruch vor, während sie verzweifelt versucht, die Wahrheit zu schildern. Die Geschworenen glauben ihr nicht; besonders belastend wirkt das Testament, in dem Claude sein Vermögen «einer anderen Mannes Frau» vermacht hat. Die Presse stürzt sich sensationshungrig auf den Fall, und als Larita nach dem Urteil das Gerichtsgebäude verlässt, versucht sie, ihr Gesicht vor den Fotografen zu verbergen – ein Bild, das Hitchcock mit starkem visuellen Pathos inszeniert. Gebrandmarkt und gesellschaftlich ruiniert verlässt Larita England und versucht, an der französischen Riviera ein neues Leben aufzubauen.
Dort begegnet sie zufällig dem jungen, lebensfrohen Engländer John Whittaker, als ein Tennisball in ihre Nähe fliegt und ein Gespräch in Gang kommt. John verliebt sich auf den ersten Blick in die elegante, melancholische Frau und umwirbt sie, ohne Näheres über ihre Vergangenheit zu wissen. Larita ist zunächst zögerlich, fühlt sich von ihrer Vorgeschichte gefesselt, lässt sich aber schliesslich auf seine Liebe ein. John macht ihr einen Heiratsantrag, den sie annimmt – in der Hoffnung, dass sie die Vergangenheit hinter sich lassen kann.
Zurück in England prallen Larita und Johns wohlhabende Familie aufeinander. Johns Vater ist ihr gegenüber freundlich und aufgeschlossen, doch seine snobistische Mutter steht der Schwiegertochter von Anfang an misstrauisch gegenüber, noch bevor sie ihre Vorgeschichte kennt. Sie glaubt, Laritas Gesicht irgendwoher zu kennen, kann es aber zunächst nicht einordnen, und versucht, John zu der «passenden» Partie mit einer alteingesessenen Bekannten zu drängen. In der Öffentlichkeit gibt sie sich korrekt, hinter verschlossenen Türen arbeitet sie allerdings daran, Larita zu isolieren und die Familie gegen sie aufzubringen.
Der Wendepunkt kommt, als Johns Schwester in einer Illustrierten ein altes Gerichtsphoto entdeckt: Darauf ist Larita als «ehemalige Mrs. Filton» aus dem Skandalprozess abgebildet. Die Schwester zeigt das Heft ihrer Mutter, und Mrs. Whittaker konfrontiert Larita vor der versammelten Familie, schleudert ihr das Magazin entgegen und sagt den berühmten Satz: «In unserer Welt verstehen wir diesen Code leichter Tugend nicht.» Larita antwortet bitter, in dieser Welt verstehe man überhaupt nicht viel, erkennt zugleich aber, dass sie in diesem Haus keine Zukunft hat. Sie entscheidet sich, John zu verlassen, um ihn von der gesellschaftlichen Ächtung zu verschonen, auch wenn er beteuert, dass ihm ihre Vergangenheit egal sei. Am Ende sitzt Larita allein im Gerichtssaal und blickt – in einer der eindringlichsten Einstellungen – direkt in die Kamera, als würde sie die Urteile der Zuschauer mit anklagen; ihre Geschichte bleibt als Porträt einer Frau, die am Klassenstolz und an der Doppelmoral der «besseren Gesellschaft» zerbricht.
Cameo
In «Easy Virtue» wird oft behauptet, Alfred Hitchcock sei als Mann mit Spazierstock zu sehen, der an einem Tennisplatz vorbeigeht. Neuere Begutachtungen, unter anderem durch das BFI, zweifeln diese Identifikation allerdings an: Bei genauer Betrachtung soll es sich nicht um Hitchcock handeln, auch wenn einige Filmographien ihn weiterhin als ungenannten Statisten führen.
Production Facts
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«Easy Virtue» basiert lose auf dem gleichnamigen Theaterstück von Noël Coward von 1924, das für den Film in Tonfall und Struktur deutlich angepasst wurde.
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Gedreht wurde 1927 in den Gainsborough‑Studios in Islington; die Produktion war eine der letzten, die Hitchcock dort realisierte, bevor er zu British International Pictures wechselte.
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Die berühmte Eröffnungssequenz mit dem Prozess nutzt raffinierte visuelle Tricks, etwa die Szene, in der der Anwalt durch das Monokel des Richters vergrössert erscheint – erzeugt mit einem als Monokel getarnten Spiegel vor der Kamera.
Fun Facts
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«Easy Virtue» gilt als zweiter Film mit (vermeintlichem) Hitchcock‑Cameo, nach «The Lodger»; die Unsicherheit darüber hat unter Fans eine Art kleines «Suchspiel» ausgelöst.
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Der Film verlegte die betont witzige Dialogschärfe Cowards teilweise in Zwischentitel und Blicke, weil sich viele Wortspiele des Bühnenstücks nicht direkt in die Stummfilmsprache übertragen liessen.
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Themen wie eine Frau mit «dunkler» Vergangenheit und eine giftige Schwiegermutter tauchen später in Hitchcocks Tonfilmen wieder auf, etwa in «Rebecca» und «Notorious», was «Easy Virtue» rückblickend wie eine frühe Skizze erscheinen lässt.
Pannen & Patzer
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In einigen Gerichtsszenen wechseln die Positionen von Figuren und Requisiten (etwa Aktenstapel und Stühle) beim Gegenschnitt leicht, was als typische Continuity‑Patzer vermerkt wurde.
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In der Tennisplatz‑Episode wirkt der Hintergrund zwischen zwei Einstellungen plötzlich heller ausgeleuchtet, obwohl die Szene ohne erkennbaren Zeitsprung weitergeht – ein Hinweis auf nachträgliche Nachdrehs.
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Mehrere zeitgenössische Kritiken bemängelten, dass Hitchcocks starke formale Ideen den emotionalen Fluss gelegentlich unterbrechen; für heutige Zuschauer wirken manche Übergänge dadurch sprunghaft, was als struktureller Regiefehler gelesen werden kann.
1928
2. März 1928
80 Minuten