Plot
Der ehemalige RAF-Pilot Richard Blaney arbeitet als Barmann in einem Pub nahe Covent Garden, wird wegen seines aufbrausenden Temperaments gefeuert und steht plötzlich ohne Geld und Perspektive da. In seiner Verzweiflung sucht er seine Ex‑Frau Brenda auf, die erfolgreich eine Heiratsagentur führt; der Besuch endet in einem Streit, doch Brenda steckt ihm heimlich Geld zu und lädt ihn zum Essen ein.
Am nächsten Tag erscheint zunächst Blaneys Kumpel Bob Rusk in Brendas Büro – ein freundlicher Obst- und Gemüsehändler vom Markt –, vergewaltigt sie und erwürgt sie mit seiner Krawatte, womit er als gesuchter «Krawattenmörder» enttarnt wird, während Blaney kurz darauf nur vor verschlossener Tür steht und von der Sekretärin beim Verlassen des Hauses beobachtet wird.
Als Brendas Leiche gefunden wird, rückt Blaney durch Streit, Geldnot und die Zeugenaussage der Sekretärin ins Zentrum der Ermittlungen von Inspector Oxford. Blaney taucht mit seiner Kollegin und Geliebten Babs Milligan unter, verbringt mit ihr eine Nacht im Hotel und bittet sie, seine Sachen aus dem Pub zu holen, damit sie gemeinsam fliehen können. Dort läuft Babs Rusk in die Arme, der ihr scheinbar hilfsbereit sein Londoner Zimmer anbietet – nur um sie ebenfalls zu vergewaltigen, zu erwürgen und ihre Leiche in einem Sack in einem Kartoffellaster zu verstecken, wobei er Beweisstücke in Blaneys Tasche platziert. Während ganz London über den «Necktie Murderer» spekuliert, wird Blaney verhaftet, im Prozess von der Jury schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt, obwohl er verzweifelt beteuert, Rusk sei der wahre Täter.
Im Gefängnis schwört Blaney Rache, verletzt sich absichtlich und nutzt den Krankentransport zur Flucht, um in Rusks Wohnung abzurechnen. Dort trifft er Rusk zunächst nicht an, findet aber im Bett eine weitere erwürgte Frau mit Krawatte am Hals, gerade als Inspector Oxford eintrifft, der Blaneys Schritt vorausgedacht hat. Noch bevor Blaney seine Unschuld erklären kann, hören sie Lärm im Treppenhaus: Rusk schleppt einen grossen Koffer mit einer weiteren Leiche in die Wohnung, wird von Oxford mit dem trockenen Hinweis empfangen, er trage heute ausnahmsweise keine Krawatte – und steht nun unweigerlich als echter Mörder da.
Cameo
In «Frenzy» hat Hitchcock einen seiner makabersten und zugleich beiläufigsten Auftritte. Gleich zu Beginn, während einer Szene in einem Londoner Pub nahe Covent Garden, sitzt er an der Theke und lauscht einem Politiker, der eine Rede über Umweltverschmutzung im Themse-Fluss hält. Während der Mann pathetisch von der «Reinigung» des Wassers spricht, trinkt Hitchcocks Figur gelassen sein Bier – und spuckt es im selben Moment wieder aus, als ob es ungeniessbar wäre.
Der Cameo funktioniert als bitterer kleiner Witz: Offiziell ist die Themse «sauberer» geworden, aber der Geschmack erzählt eine andere Wahrheit. Gleichzeitig ist es ein Kommentar zum Ton des Films: Unter der scheinbar normalen, respektablen Oberfläche Londons brodelt etwas Giftiges – genau wie unter dem gepflegten Auftreten des später entlarvten Krawattenmörders.
Production Facts
-
«Frenzy» war Hitchcocks Rückkehr in seine Heimat: Der Film entstand überwiegend an Originalschauplätzen in London, insbesondere rund um Covent Garden, das damals noch als Grossmarkt genutzt wurde.
-
Der Roman «Goodbye Piccadilly, Farewell Leicester Square» von Arthur La Bern diente als Vorlage, wurde aber für den Film stark umgearbeitet, unter anderem durch eine stärkere Fokussierung auf den falschen Verdacht gegen Blaney.
-
«Frenzy» war einer der freizügigsten Filme in Hitchcocks Werk: Er nutzte erstmals deutlichere Gewalt- und Nacktdarstellungen, was ihm eine strengere Altersfreigabe einbrachte und ihn klar von den stilistisch zurückhaltenderen 1950er‑Jahre-Thrillern abgrenzte.
Fun Facts
-
Hitchcock legt im Vorspann Wert darauf, die Themse und das London seiner Kindheit zu zeigen – eine Art melancholische Heimkehr nach Jahrzehnten überwiegend amerikanischer Produktionen.
-
Die berühmte Szene, in der die Kamera wortlos aus der Wohnung des Mörders zurück auf den Treppenflur und dann auf die Strasse «hinausgleitet», war bewusst als Anti‑Showeffekt angelegt: Man sieht den Mord nicht, spürt aber umso stärker, dass er jetzt geschieht.
-
Der schwarzhumorige Ton zieht sich bis ins Casting: Barry Foster spielt den charmanten, jovialen Mörder Rusk so sympathisch, dass viele Zeitgenossen ihn für «zu freundlich» für einen Serienkiller hielten – genau mit dieser Irritation spielte Hitchcock.
Pannen & Patzer
- In der Bar‑Szene zu Beginn bringt Maisie zwei Pints für den Arzt und seinen Begleiter; beim Herantragen sind die Gläser schön voll mit Schaumkrone. Im Gegenschnitt direkt darauf ist der Schaum fast komplett verschwunden, ohne dass jemand getrunken hat – ein klassischer Kontinuitätsfehler im Requisiten‑Timing.
- Nachdem die Polizei die Leiche im Kartoffellaster entdeckt, folgt sie dem Wagen mit Sirene; der Fahrer bremst abrupt, woraufhin der Körper nach hinten aus dem Laderaum herausfällt. Physikalisch würden Ladung und Leiche bei einer Vollbremsung aber nach vorn weiterdriften, nicht nach hinten aus dem Truck – die Szene opfert die Trägheitsgesetze einem dramatischen Effekt.
- In der berühmten Potato‑Truck‑Sequenz versucht Rusk, die Anstecknadel aus Babs’ verkrampfter Hand zu lösen. Während er daran zieht, zuckt ihre linke Hand deutlich, obwohl sie im Film bereits tot ist – hier verrät ein unkontrollierter Reflex der Darstellerin den Drehmoment.
1972
21. Juni 1972
116 Minuten