A Tribute to the Master of Suspense

Mary

Mary

«Mary» ist die deutschsprachige Version von Hitchcocks «Murder!», gedreht 1931 mit eigener Besetzung auf denselben Sets. Schauspielerin Mary Baring wird ohne Erinnerung neben der Leiche einer Kollegin gefunden und wegen Mordes verurteilt. Der Schauspieler‑Manager Sir John Menier, der im Geschworenengericht widerwillig «schuldig» stimmte, ermittelt danach auf eigene Faust, enttarnt den wahren Täter im Zirkus und deckt so einen Justizirrtum auf.
Plot

In einer wandernden Schauspieltruppe wird nach einer Vorstellung eine Kollegin ermordet aufgefunden; neben der Leiche liegt ihre Freundin Mary Baring, benommen, blutverschmiert – und ohne Erinnerung daran, was geschehen ist.

Da die Tote kurz zuvor mit Mary in einen heftigen Streit geraten war und niemand sonst gesehen wurde, der die Garderobe betreten hätte, scheint der Fall für Polizei und Staatsanwaltschaft klar: Mary wird des Mordes angeklagt. Vor Gericht wirkt sie passiv und traumatisiert, beteuert, sie habe einen Blackout gehabt, könne sich nicht erinnern – was die meisten Geschworenen als «schlechte Ausrede» einer Schuldigen interpretieren. Einzig Sir John Menier, ein prominenter Schauspieler und Theaterleiter, glaubt, dass hier etwas nicht stimmt: Ihr Verhalten erscheine ihm eher wie das einer schockierten Unschuldigen.

Im Beratungszimmer gerät Sir John unter Druck: Die übrigen Geschworenen reden auf ihn ein, dass man sich auf Indizien verlassen müsse und «Bauchgefühle» fehl am Platz seien. Schliesslich knickt er ein und stimmt ebenfalls für schuldig – Mary wird zum Tode verurteilt, während Sir John, kaum dass das Urteil gesprochen ist, von Schuldgefühlen geplagt wird. Er beschliesst, den Fehler wiedergutzumachen, und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Gemeinsam mit einem befreundeten Schauspielerpaar aus Marys Truppe rekonstruiert er die Vorgänge in der Theaterwelt, spricht mit Kollegen und stösst bald auf den Artisten Handel Fane.​

Fane ist ein erfolgreicher Akrobat, der in Frauenkleidung auftritt und Marys Verlobter war, zugleich aber ein entflohener Sträfling, dessen Vergangenheit nur wenige kennen. Sir John erfährt, dass die ermordete Kollegin Mary über Fanes wahre Identität aufklären wollte – ein starkes Motiv, sie zum Schweigen zu bringen. Beweise hat er jedoch keine; statt die Polizei einzuschalten, nutzt er sein Metier und baut eine Falle, die Fanes Schauspielroutine ausnutzt. Er lädt ihn zu einem angeblichen Vorsprechen für ein neues Stück ein, dessen Text den Mordfall in durchsichtiger Verkleidung nachstellt, in der Hoffnung, den Täter mit der eigenen Geschichte zu konfrontieren und zu einem Geständnis zu provozieren.

Fane erkennt die Anspielungen, bleibt äusserlich gefasst, gerät innerlich aber ins Wanken und läuft schliesslich aus Sir Johns Büro davon. Sir John folgt ihm zu einem Zirkus, wo Fane als Trapezkünstler arbeitet, und beobachtet seine Darbietung – in der Hoffnung, ihn nach der Vorstellung stellen zu können. Stattdessen übernimmt Fane die Inszenierung seines eigenen Endes: Nach der Nummer bildet er aus dem Sicherungsseil eine Schlinge, legt sie sich um den Hals und lässt sich fallen; vor Publikum erhängt er sich in der Manege. Zurück bleibt eine schriftliche Beichte, in der er Marys Unschuld bestätigt und den Mord an der Kollegin gesteht – genug, um die Verurteilte zu rehabilitieren.

Am Ende holt Sir John Mary aus dem Gefängnis ab – in der deutschen Fassung in einem Auto, in der englischen Vorlage mit der Andeutung, sie sogar auf seine Bühne holen zu wollen. Für beide bleibt die Nacht des Urteils eine Zäsur: Mary ist frei, aber traumatisiert, Sir John hat erfahren, wie leicht auch ein gebildeter, scheinbar souveräner Mann sich vom Gruppendruck zu einem Urteil verleiten lässt, das er im Herzen nie vertreten hat. «Mary» spiegelt diese Schuldfrage weniger als Kriminalpuzzle, sondern als moralische Studie – im Gewand eines Gerichts‑ und Theaterthrillers, der seine Spannung aus der Spiegelung von Bühne und Leben bezieht.

Cameo

In «Mary» gibt es keinen gesicherten Cameo Hitchcocks; der Film wurde parallel zu «Murder!» mit eigenem, deutschsprachigen Ensemble gedreht, und bekannt ist nur ein verlässlicher Cameo in der englischen Version. Systematische Cameo‑Übersichten führen «Mary» daher üblicherweise als werkgleiche, aber cameo‑lose Schwesterproduktion von «Murder!».

Production Facts
  • «Mary» ist die deutschsprachige Parallelproduktion zu «Murder!» (1930): Hitchcock drehte beide Fassungen fast shot‑für‑shot auf denselben Sets, mit demselben Team, aber weitgehend unterschiedlichen Schauspielern.

  • Grundlage ist der Roman «Enter Sir John» von Clemence Dane und Helen Simpson; Hitchcock adaptierte ihn zusammen mit Walter Mycroft, Alma Reville und anderen, wobei die deutsche Fassung einige Dialoge strafft und humorvolle Details der englischen Version reduziert.

  • «Mary» ist Hitchcocks einzige selbst inszenierte Fremdsprachenfassung eines eigenen Films; später liess er seine Werke für den Auslandsmarkt synchronisieren oder untertiteln, statt sie mit neuer Besetzung erneut zu drehen.

Fun Facts
  • Die deutsche Fassung ist fast 20–30 Minuten kürzer als «Murder!», obwohl keine ganze Handlungsebene entfällt; gestrafft wurden vor allem kleine Gags und Zwischentöne, was «Mary» strenger und weniger ironisch wirken lässt.

  • In «Murder!» ist der Täter ein «Mischling», während «Mary» ihn zu einem entflohenen Sträfling macht – eine Anpassung an den politischen und gesellschaftlichen Kontext des frühen 30er‑Jahre‑Deutschland.

  • Zeitgenössische Werbung pries «Mary» als «naturfarbigen deutschen Tonfilm» mit 100‑prozentig deutscher Sprache an, obwohl es sich faktisch um eine britisch‑deutsche Koproduktion mit überwiegend britischem Kreativteam handelte.

Pannen & Patzer
  • In der deutschen Fassung wirkt die Spiegel‑Monolog‑Szene, in der Sir John sein Gewissen erforscht, inszenatorisch flacher: Musik und innerer Monolog sind hörbar schlechter auf Bildrhythmus und Mimik abgestimmt als in «Murder!» – ein Effekt der parallelen, weniger sorgfältigen Zweitinszenierung.

  • Fanes geschlechtliche Ambivalenz, in der englischen Version zentral (Travestie‑Auftritt, uneindeutige Inszenierung), wird in «Mary» stark abgeschwächt; Hinweise bleiben inkonsequent und lassen seine Motivation weniger klar erscheinen.

  • Mindestens eine Juroren‑Szene springt in der Continuity: Die Anzahl der Gläser und Zigaretten auf dem Tisch ändert sich zwischen zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Einstellungen, ohne dass jemand zur Flasche oder zum Aschenbecher gegriffen hätte.

Erscheinungsjahr
1931
Premiere
2. März 1931
Laufzeit
77 Minuten