Marie Ault (1870–1951) gehörte zu den typischen Alltagsgesichtern des britischen Kinos, die eine Szene mit wenigen Gesten erden konnten. In Wigan geboren, kam sie über das Theater zum Film und wirkte in zahlreichen britischen Stumm- und frühen Tonfilmen mit, oft als Hauswirtin, Verkäuferin oder resolute Mutterfigur. Ihr rundes Gesicht, der wache, manchmal misstrauische Blick und eine körperliche Präsenz, die zwischen Fürsorglichkeit und Strenge wechseln konnte, machten sie zur idealen Verkörperung der arbeitenden Klasse auf der Leinwand.
Für Hitchcock wurde Marie Ault vor allem durch «The Lodger: A Story of the London Fog» unvergesslich, in dem sie Mrs. Bunting, die Vermieterin der Hauptfigur, spielt. Sie steht genau an der Schnittstelle zwischen Häuslichkeit und Horror: Ihr Londoner Reihenhaus ist der Ort, an dem sich die Angst vor dem Serienmörder «The Avenger» mit dem Alltag einer Mieterfamilie mischt. Zuvor hatte Ault bereits in den Hitch-bezogenen Produktionen «Woman to Woman» und «The Prude’s Fall» kleinere, aber markante Rollen übernommen, später taucht sie noch einmal – uncredited – als Kutschpassagierin in «Jamaica Inn» auf. In all diesen Filmen verleiht sie Hitchcocks Suspense-Konstruktionen ein menschliches Fundament: Ihre Figuren kochen, klatschen, sorgen sich – und genau dadurch wird spürbar, was auf dem Spiel steht, wenn Gewalt und Verdacht in den Alltag einbrechen.