Tippi Hedren (geb. 1930) wirkt auf der Leinwand wie eine Destillation der klassischen Hitchcock-Blondine: kühl kontrollierte Eleganz, präzise Körpersprache, ein Gesicht, das Distanz wahrt und dennoch verletzliche Risse zeigt. Als ehemalige Mode- und Werbemodelle bringt sie eine fast skulpturale Präsenz mit, die ihre Figuren zunächst wie perfekt arrangierte Bilder erscheinen lässt. Gleichzeitig liegt in ihren Blicken eine Unruhe, ein Moment von Staunen oder Angst, der andeutet, dass hinter der glatten Oberfläche etwas bricht.
Mit ihren Hauptrollen in «Die Vögel» und «Marnie» wurde sie zu einer zentralen Figur im Spätwerk Alfred Hitchcocks. In «Die Vögel» verwandelt sich ihre mondäne Society-Frau Melanie Daniels Schritt für Schritt in eine traumatisierte Überlebende, deren Selbstsicherheit von einem Naturhorror zerfressen wird. In «Marnie» dagegen verkörpert sie eine emotional blockierte Diebin, deren Identität aus Traumata, Scham und Fluchtbewegungen besteht. Hedren spielt diese Frauen nie als reine Opfer, sondern als komplexe, widersprüchliche Persönlichkeiten, die sich gegen den männlichen Zugriff – und damit auch gegen den Blick des Regisseurs – stemmen. So wird sie zur vielleicht deutlichsten Verkörperung von Hitchcocks Faszination und Grausamkeit gegenüber seinen Heldinnen.