A Tribute to the Master of Suspense

Rich and Strange

Endlich sind wir reich

Das gelangweilte Londoner Ehepaar Fred und Emily Hill erhält von einem reichen Onkel Geld, um noch zu dessen Lebzeiten eine Weltreise zu machen. Auf der Kreuzfahrt verlieren sie sich in Affären: Fred verfällt einer falschen Prinzessin, Emily einem charmanten Kolonialbeamten. Nach Betrug, beinahem Scheitern der Ehe, Schiffbruch und Rettung auf einer Dschunke kehren sie desillusioniert, aber enger verbunden nach England zurück – eine bittere Beziehungssatire von 1931.
Plot

Fred und Emily Hill führen ein graues, routiniertes Vorstadtleben in London: Er schleppt sich jeden Tag durch überfüllte Strassen und ein langweiliges Büro, sie wartet daheim mit Essen und kleinen Träumen von «etwas anderem». Ein Telegramm eines reichen Onkels stellt plötzlich alles auf den Kopf: Die Hills erhalten einen Vorschuss auf ihr Erbe, ausdrücklich mit der Aufforderung, jetzt die Welt zu sehen, statt auf den Tod des Verwandten zu warten.

Fred kündigt impulsiv seine Stelle, und das Paar stürzt sich auf eine «Weltreise» – zunächst per Schiff nach Frankreich, weiter nach Paris, wo sie im Folies Bergère mit Varieté, Alkohol und frivolen Tänzerinnen erstmals aus der bürgerlichen Zone katapultiert werden. Fred, der gleich bei der Überfahrt seekrank wird, reagiert auf die neue Freiheit mit kindischer Begeisterung und Selbstüberschätzung, während Emily vorsichtig auflebt, aber die Veränderungen misstrauisch beobachtet.

Auf dem grossen Kreuzfahrtschiff wandeln sich die Rollen: Emily findet Aufmerksamkeit bei einem charmanten, zurückhaltenden Offizier, Commander Gordon, der ihr höflich, aber deutlich mehr Interesse entgegenbringt als ihr unaufmerksamer Mann. Fred wiederum gerät in den Bann einer vermeintlichen «Prinzessin», einer exotischen Abenteurerin, die ihm schmeichelt, seine Unsicherheiten bedient und ihm eine Welt aus Glamour und Casino‑Nächten verspricht. Während Gordon Emily mit Ruhe, Verständnis und Perspektiven jenseits des Alltags beeindruckt, lässt sich Fred bereitwillig melken: Die «Prinzessin» lebt auf seine Kosten, während er die gemeinsame Reisekasse plündert und sich einredet, er tue damit auch etwas Gutes für Em. Die Ehe zerbricht schleichend – in getrennten Kabinen, gemeinsamen Lügen und langen, ausweichenden Gesprächen mit den neuen Partnern, in denen beide das alte Leben schlechtreden.

In Singapur ist die Beziehung praktisch am Ende: Emily steht kurz davor, mit Gordon nach Kuala Lumpur zu gehen, Fred plant, mit der «Prinzessin» weiterzureisen. Doch Gordon durchschaut die Abenteurerin, warnt Emily, dass Fred nur ausgenommen wird, und dass sie sich schuldig fühlen würde, wenn sie ihren Mann so ins Messer laufen liesse. Emily entscheidet sich in letzter Minute gegen den romantischen Ausstieg und für die Verantwortung: Sie kehrt um, um Fred zu warnen – nur um festzustellen, dass die «Prinzessin» bereits mit einem anderen Schiff Richtung Rangun verschwunden ist und dabei tausend Pfund von Freds Geld mitgenommen hat. Fred, gedemütigt und finanziell ruiniert, muss erkennen, wie naiv er war; Emily, die ihre Affäre selbst abgebrochen hat, ist gleichzeitig verletzt und erleichtert.

Der Rückweg nach Europa wird zu einer Art Bussfahrt. Das Schiff, auf dem sie reisen, gerät in einen Sturm, kollidiert und sinkt; in einer düster‑komischen Sequenz retten Fred und Emily sich auf eine chinesische Dschunke, deren Besatzung sie ausplündert, betrunken feiert und schliesslich bewusstlos liegen lässt. In einem langen, klaustrophobischen Abschnitt treiben die beiden isoliert auf der See, mit kaum Essen, schlechter Luft und der bitteren Erkenntnis, dass ihr «Abenteuer» sie an den Rand des Todes geführt hat – nicht durch Spione oder Verbrecher, sondern durch ihre eigenen Fehler und Illusionen. Erst in letzter Sekunde wird die Dschunke entdeckt, und Fred und Emily kehren lebend, aber desillusioniert nach England zurück.

Zurück in ihrer alten Wohnung stellen sie fest, dass fast nichts mehr vom Geld übrig ist und die vertraute Langeweile plötzlich weniger bedrohlich wirkt als die «Freiheit», die sie erlebt haben. Sie sitzen nebeneinander, mit ihrem schwarzen Kater – der als Konstante schon am Anfang ihr eintöniges Leben kommentierte – und beginnen, in vorsichtigen Blicken und kleinen Gesten, einander wiederzuerkennen. Der Film endet nicht mit einem rauschenden Happy End, sondern mit einem ironischen Gleichgewicht: Die Hills sind wieder dort, wo sie begonnen haben, aber reifer – reich an Erfahrungen, die ihnen gezeigt haben, dass Geld und Exotik ihre eigenen Probleme nicht verschwinden lassen.

Cameo

In «Rich and Strange» gibt es keinen eindeutig belegten Cameo‑Auftritt Hitchcocks. Einige inoffizielle Listen spekulieren über einen flüchtigen Hintergrundauftritt in den Hafen‑ oder Strassenszenen, doch weder zeitgenössische Quellen noch das Hitchcock‑Wiki führen eine bestätigte Szene, weshalb der Film üblicherweise zu den Werken gezählt wird, in denen der Regisseur nicht klar sichtbar in Erscheinung tritt.

Production Facts
  • Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Dale Collins aus dem Jahr 1930; Hitchcock, Alma Reville und Val Valentine passten die Vorlage an und strafften Figuren und Episoden, behielten aber die Grundidee einer «Erziehungsreise» eines Ehepaars bei.

  • «Rich and Strange» war Hitchcocks dritter Tonfilm und experimentiert stark mit visueller Erzählweise: Die Eröffnung in London kommt weitgehend ohne Dialog aus und setzt auf Rhythmus, Montagen und Alltagsgeräusche.

  • Produziert wurde der Film von British International Pictures; trotz seiner formalen Raffinesse floppte er an den Kinokassen, was Hitchcock später auf die schwer vermittelbare Mischung aus Komödie, Ehedrama und Reisesatire zurückführte.

Fun Facts
  • Elsie Randolph gibt hier ihr Filmdebüt als schrille «Old Maid», die Fred auf dem Schiff mit unbeholfenen Flirtversuchen verfolgt; fast vierzig Jahre später kehrte sie für «Frenzy» zu Hitchcock zurück.

  • Der US‑Verleihtitel «East of Shanghai» sollte das exotische Reisethema stärker betonen, während der Originaltitel «Rich and Strange» auf eine Zeile aus Ariels Lied in Shakespeares «The Tempest» anspielt.

  • Mehrere Hafen‑ und Strassenszenen wurden im Studio mit Rückprojektionen gedreht, wobei Hitchcock die künstliche Wirkung bewusst akzeptierte – passend zur Idee, dass Fred und Emily die Welt durch eine Art touristische «Bühnenkulisse» erleben.

Pannen & Patzer
  • In verschiedenen Szenen wechselt die Länge von Freds Bartstoppeln sichtbar zwischen den Einstellungen, obwohl die Handlung innerhalb eines einzigen Tages spielt – ein Kontinuitätsproblem in Maske und Drehplan.

  • Die Position der Kabinenkojen auf dem Schiff variiert: Mal liegt Freds Bett direkt neben der Tür, in anderen Einstellungen ist ein deutlich grösserer Abstand und ein Möbelstück dazwischen, ohne dass die Kabine gewechselt wurde.

  • Während des Sturms und des Untergangs wirken einige Aussenshots des Passagierschiffs unverkennbar wie Modelle; die Grösse der Wellen und die Geschwindigkeit des Wassers passen nicht zu einem realen Ozeanliner, was die Tricktechnik entlarvt.

Erscheinungsjahr
1931
Premiere
10. Dezember 1931
Laufzeit
83 Minuten