Plot
Brandon Shaw und Phillip Morgan, zwei privilegierte junge Intellektuelle in Manhattan, erwürgen in ihrem Apartment ihren ehemaligen Schulfreund David Kentley mit einem Stück Seil. Für sie ist der Mord kein Affekt, sondern ein «philosophisches Experiment»: Sie glauben, als geistige Elite über moralischen Normen zu stehen und das Recht zu haben, «minderwertige» Menschen zu beseitigen.
Die Leiche stopfen sie in eine grosse Truhe im Wohnzimmer, auf der sonst Bücher stehen. Um ihre Überlegenheit zu feiern, beschliesst Brandon, ausgerechnet auf dieser Truhe ein kleines Dinner-Büfett auszurichten – mit Gästen, die alle eine Beziehung zu David haben.
Am Abend erscheinen Davids Vater Mr. Kentley und seine Tante Mrs. Atwater, Davids Verlobte Janet sowie ihr Exfreund Kenneth, den Brandon absichtlich mit Janet zusammenbringt, um emotionale Spannungen zu provozieren. Als letzter Gast kommt Rupert Cadell, der frühere Hauslehrer der drei jungen Männer, dessen zynische Theorien über den «Übermenschen» Brandon und Phillip zu ihrem Experiment inspiriert haben. Während Hausdame Mrs. Wilson das Essen auf der Truhe serviert, führt Brandon genüsslich Gespräche über Mord als Privileg der Starken, während Phillip immer nervöser wird, trinkt und sich am Klavier verhaspelt. Die Gäste fragen sich zunehmend, wo David bleibt, denn er war offiziell eingeladen, ist aber nie erschienen.
Rupert, geistreich, aber aufmerksam, spürt eine seltsame Spannung im Raum. Er wundert sich über Brandons makabre Witze, über Philips panische Reaktionen auf beiläufige Bemerkungen und über den Umstand, dass die Truhe nicht geöffnet werden darf, obwohl sie sonst als Bücherablage dient. Nachdem die Gäste gegangen sind, räumt Mrs. Wilson – ohne etwas zu wissen – fast die Truhe leer, bevor Brandon sie gerade noch davon abhält, den Deckel zu öffnen, und sie stattdessen zum Bücherregal umdirigiert.
Rupert nimmt beim Abschied versehentlich Davids Hut mit den Initialen «D.K.»; dieser Zufall lässt seine diffuse Ahnung zu einem konkreten Verdacht werden. Unter einem Vorwand kehrt er zurück, lässt sich von Brandon und Phillip Wein einschenken und beginnt ein immer schärferes Kreuzverhör. Phillip bricht psychisch ein, widerspricht sich, reagiert aggressiv und greift schliesslich nach Brandons Revolver, den Rupert ihm entreisst. Rupert findet das Seil, mit dem David erwürgt wurde, und öffnet schliesslich die Truhe: Davids Leiche liegt darin. Entsetzt erkennt Rupert, dass seine eigenen intellektuellen Spielereien über «gerechtfertigten Mord» durch Brandon in die Tat umgesetzt wurden.
Er verurteilt die beiden aufs Schärfste, erklärt, dass kein Mensch das Recht hat, über den Wert anderer zu entscheiden, und feuert mehrere Schüsse aus dem Fenster, um die Polizei zu rufen. Während in der Ferne Sirenen anschwellen, setzt sich Rupert neben die Truhe, Brandon giesst sich trotzig einen Drink ein, und Phillip spielt wie mechanisch eine düstere Melodie auf dem Klavier – ihr «perfekter Mord» ist entlarvt, und die Nacht im Hochhaus endet im Schein der herannahenden Streifenwagen.
Cameo
In «Rope» musste Hitchcock wegen des strikt auf ein Apartment beschränkten Settings kreativ werden – sein Cameo findet nicht als Person im Raum, sondern als Leuchtreklame statt. Etwa zur Mitte des Films, wenn es draussen dunkel geworden ist und die Skyline hinter den Fenstern aufleuchtet, sieht man am Horizont ein rotes Neon‑Schild auf einem Hochhaus aufblinken.
Dieses Schild zeigt die stilisierte Seitenansicht seines Kopfes über dem Schriftzug «Reduco» – eine Reklame für das fiktive Schlankheitsmittel «Reduco – Obesity Slayer», mit dem Hitchcock bereits in «Lifeboat» in einer Zeitungsanzeige augenzwinkernd für die «Abnahme» seiner eigenen Leibesfülle warb. Die Neon‑Silhouette erscheint im Laufe der Handlung mehrfach kurz im Hintergrund, immer nur für wenige Sekunden, und ist damit eine Art schwebende, flackernde Signatur des Regisseurs über den Dächern der Stadt.
Production Facts
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«Rope» war Hitchcocks erster Farbfilm und sein radikalster Echtzeit‑Versuch: Der Film besteht aus nur zehn Einstellungen, die jeweils so lang sind, wie eine 35‑mm‑Filmrolle fasste (maximal rund zehn Minuten). Die Schnitte werden meist versteckt, indem die Kamera kurz auf dunkle Flächen oder Rücken heranfährt.
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Das gesamte Geschehen spielt auf einem einzigen Set – dem Penthouse – dessen Wände auf Rollen montiert waren, damit man sie während der langen Kamerafahrten lautlos wegfahren und wieder einsetzen konnte; Möbel und Requisiten mussten in Echtzeit hinter der Kamera verschoben und exakt zurückpositioniert werden.
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Die Produktion war extrem aufwendig choreografiert: Es gab etwa zehn Tage Proben mit Schauspielern, Kamera und Crew, dann drehte Hitchcock meist nur ein Segment pro Tag; die letzten fünf Rollen mit der Abendstimmung mussten wegen eines misslungenen «Sonnenuntergangs» komplett neu gedreht werden.
Fun Facts
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«Rope» basiert lose auf dem realen Leopold‑und‑Loeb‑Fall, bei dem zwei Studenten aus «Übermenschen»-Wahn einen Mitschüler töten und den perfekten Mord beweisen wollen – eine Parallele, die Hitchcock später mit ironischer Distanz bestätigte.
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Bei einer der langen Takes fuhr der schwere Kamerawagen einem Kameramann versehentlich über den Fuss; um den extrem teuren, fast perfekten Durchgang nicht abzubrechen, wurde er laut Anekdote schnell mit einem Tuch geknebelt und an den Setrand gezogen, während die Szene weiterlief.
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Hitchcock war im Nachhinein mit dem 10‑Minuten‑Take‑Experiment unzufrieden und nannte es später selbst einen «Stunt»: Er fand, die technischen Zwänge hätten ihn bei der Bildgestaltung mehr eingeschränkt, als ihm lieb war.
Pannen & Patzer
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In der Eröffnungsszene legen Brandon und Philip David ordentlich in die Truhe, das Seil bleibt komplett im Inneren; kurz darauf «entdeckt» Philip die Leine jedoch weit aus der Truhe heraushängend, obwohl sie um Davids Hals geknotet war und eigentlich hätte gelöst werden müssen.
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Als Philip sich an einer Glasscherbe verletzt, sieht man Blut an seiner Hand; wenige Momente später, ohne dass Zeit vergangen wäre oder er die Hand gereinigt hätte, ist weder Blut noch Wunde zu erkennen.
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Die Höhe der Truhe verändert sich: Während der Party reicht sie den Figuren im Stehen etwa bis zur Hüfte und dient als Buffet; in der Schlusssequenz, wenn Rupert sich daneben setzt, wirkt sie plötzlich nur noch kniehoch, sodass er bequem den Arm darauf ablegen kann – ein deutliches Continuity‑Problem durch unterschiedliche Requisiten bzw. Perspektiven.
1948
23. August 1948
80 Minuten