Plot
Karl Verloc betreibt in einem Londoner Stadtviertel ein kleines Programmkino, die «Bijou», und wirkt auf seine junge Frau Sylvia und ihren kindlichen Bruder Stevie wie ein eher stiller, etwas muffiger, aber harmloser Kinobetreiber. Nach einem mysteriösen Stromausfall, der ganz London kurzzeitig in Dunkelheit taucht und in der Zeitung prompt als Sabotageakt bezeichnet wird, kehrt Verloc spät nach Hause zurück und behauptet, er habe die ganze Zeit geschlafen – eine Version, die Sylvia ahnungslos bestätigt.
Tatsächlich gehört Verloc einer ausländischen Terrorgruppe an, die durch Anschläge Unruhe in der Stadt stiften will; sein Kontaktmann ist unzufrieden, dass der Blackout eher für Spott als für Panik gesorgt hat, und fordert eine deutlich blutigere Aktion. In der Nachbarschaft des Kinos eröffnet unterdessen der charmante «Gemüsehändler» Ted Spencer seinen Laden; was Sylvia nicht ahnt: Ted ist ein Scotland‑Yard‑Mann unter falscher Identität, der Verlocs Aktivitäten überwachen soll.
Verloc wird beauftragt, eine Bombe nach Piccadilly Circus zu bringen, «dem Mittelpunkt der Welt», und sie dort während des Lord‑Mayor‑Festzuges explodieren zu lassen. Die Sprengladung wird bei einem Bombenbauer in einer «Zoohandlung» in einem Vogelk Käfig versteckt, der Verloc als harmlose Lieferung für Stevie adressieren lässt. Als Ted und Sylvia engeren Kontakt bekommen und er ihr vorsichtig andeutet, dass ihr Mann verdächtigt wird, gerät Verloc in Panik und schiebt die Verantwortung auf den Jungen: Stevie soll im Auftrag des Onkels scheinbar nur eine Filmrolle zu einem anderen Kino bringen, auf dem Weg «zufällig» die Bombe abgeben und unbedingt bis 13:30 Uhr am Bahnhof Piccadilly sein. Der Zuschauer kennt die Zeitbombe, während Stevie auf seiner Fahrt durch London immer wieder aufgehalten wird: durch einen Zahnpastaverkäufer, Staus, den Festumzug – und jede Verzögerung lässt den Blick auf die Uhr unerträglicher werden.
Sylvia, zunehmend misstrauisch gegenüber Verloc, erfährt nach und nach von Teds Ermittlungen und von der wahren Natur des vermeintlich «harmlosen» Auftrags. Als ein Zeitungsjunge die Nachricht von einer Explosion in einem Bus verbreitet und schliesslich klar wird, dass Stevie mitsamt Paket in die Luft gesprengt wurde, zerbricht Sylvias Welt schlagartig. In einem der bittersten Hitchcock‑Momente trägt Verloc im heimischen Wohnzimmer halbherzig Entschuldigungen vor, während Sylvia zwischen Schock, Schuldgefühlen und wachsender Wut schwankt, bis sie beim gemeinsamen Essen schliesslich mit dem Küchenmesser auf ihn losgeht und ihn tödlich verletzt. Ted trifft wenig später ein, erkennt, was geschehen ist, und versucht, Sylvia zu schützen – nicht nur als Zeugin in seinem Fall, sondern auch aus echter Zuneigung.
Der Bombenbauer, der inzwischen von der Polizei überwacht wird, kommt zur Wohnung zurück, um den Vogelkäfig zu holen, weil er eine Spur befürchtet. Als er merkt, dass Verloc tot ist und die Polizei anrückt, zündet er eine zweite Bombe und sprengt sich samt Leiche in die Luft, wodurch Verlocs Tat und Sylvias Messerstoss im Chaos untergehen. In der Schlussszene bleibt unklar, ob Sylvia vor der Explosion bereits ein Geständnis abgelegt hat oder nicht; der Superintendent wiegelt ab, Ted führt die traumatisierte junge Frau durch die Menge, und die Stadt kehrt zur Alltagshektik zurück – ohne zu wissen, welchen Preis diese scheinbare Normalität gekostet hat.
Cameo
Hitchcock erscheint in «Sabotage» kurz nach dem Stromausfall vor dem Kino. Als die Lichter der Stadt wieder angehen und die Menge vor der Bijou‑Fassade nach oben schaut, kreuzt er im Vordergrund die Strasse, den Blick ebenfalls gen Himmel gerichtet, und verschwindet nach wenigen Schritten im Publikumsstrom.
Der Cameo ist völlig wortlos und unauffällig und zeigt den Regisseur als einen der vielen Londoner, die neugierig, aber ahnungslos Zeugen eines ersten Anschlags werden.
Production Facts
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Der Film basiert lose auf Joseph Conrads Roman «The Secret Agent», musste aber wegen Hitchcocks direkten Vorgängerfilms «Secret Agent» unter dem Titel «Sabotage» beziehungsweise «The Woman Alone» vermarktet werden.
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Gedreht wurde in den Gainsborough Studios in London; das Kino‑Setting erlaubte Hitchcock, Projektionen, Publikumsreaktionen und die Idee von «Bildern in Bildern» inszenatorisch auszuspielen.
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Hitchcock wollte ursprünglich erneut Robert Donat als Undercover‑Ermittler besetzen, bekam ihn aber wegen dessen Asthma und Vertragsbindung nicht frei; er war mit Ersatz John Loder unzufrieden und änderte Dialoge während des Drehs.
Fun Facts
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Die berühmte Bus‑Sequenz mit Stevie und der Bombe bezeichnete Hitchcock später im Gespräch mit Truffaut als «Fehler»: Man dürfe das Publikum nicht so grausam hinhalten und das Kind dann tatsächlich sterben lassen.
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In der Parade‑Szene, in der Stevie den Lord‑Mayor‑Umzug kaum überblicken kann, wurde in einem Kindergesicht in der Menge die junge Patricia Hitchcock erkannt – ein früher, ungenannter Auftritt seiner Tochter, auch wenn dies nicht offiziell bestätigt ist.
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Der Film lief in den USA zunächst unter alternativen Titeln wie «I Married a Murderer», um das Melodramatische der Ehegeschichte stärker zu betonen als das politisch brisante Sabotage‑Thema.
Pannen & Patzer
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Gleich zu Beginn wird gesagt, dass ein Stromausfall ganz London lahmlegt, inklusive U‑Bahn und Strassenbahnen, obwohl diese Verkehrssysteme damals eigene Stromversorgungen hatten; ein einzelner Kraftwerksausfall hätte nicht alles gleichzeitig getroffen.
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In einigen Einstellungen des Busses, in dem Stevie unterwegs ist, wechseln die Wettersituation und der Schattenfall sprunghaft zwischen den Schnitten, obwohl die Fahrt in Echtzeit erzählt wird – ein klassischer Continuity‑Bruch.
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Während der Schlussexplosion im Kino wirken Position und Grösse des Gebäudes in der Modellaufnahme deutlich anders als in den Real‑Aussenaufnahmen; Fensterreihen und Dachform stimmen nicht exakt überein, was den Einsatz einer Miniatur entlarvt.
1936
2. Dezember 1936
76 Minuten