Plot
Der britische Schriftsteller und Offizier Edgar Brodie kehrt 1916 aus dem Ersten Weltkrieg scheinbar nach London zurück – nur um in der Zeitung seine eigene Todesanzeige zu lesen. Im Geheimen wird er zu «R» geführt, einem kühlen Geheimdienstchef, der ihm erklärt, dass sein Tod offiziell ist und man ihn unter neuer Identität als Richard Ashenden in den Dienst des Nachrichtendienstes stellen will.
Sein Auftrag: In der neutralen Schweiz einen deutschen Agenten identifizieren und töten, der auf dem Weg in den Nahen Osten ist, um dort Aufstände gegen die Briten zu schüren. Ashenden willigt widerstrebend ein und erhält neben Papieren auch «Unterstützung» in Form eines exzentrischen Auftragskillers, des sogenannten Generals – ein nervöser, überdrehter Mann voller dunkler Witze, der weder kahl, noch Mexikaner, noch General ist.
Im mondänen Schweizer Hotel Excelsior wartet bereits eine Überraschung: «R» hat Ashenden eine falsche Ehefrau an die Seite gestellt, die attraktive Elsa Carrington, die die Spionage eher als aufregendes Abenteuer betrachtet und ihren «Mann» zunächst gar nicht kennt. Im Hotel tritt ausserdem der amerikanische Geschäftsmann Robert Marvin auf, der Elsa offensiv umwirbt und sich von dem kühlen Ashenden kaum beeindrucken lässt, was eine eifersüchtige Dreiecksdynamik inmitten der Spionageaufgabe erzeugt. Ashenden und der General versuchen zunächst, eine Spur über einen kirchlichen Informanten zu bekommen, finden den Organisten jedoch ermordet – in seiner Hand ein abgerissener Knopf, der sie auf einen britischen Bergsteiger, Caypor, lenkt. Sie locken ihn zu einer scheinbar harmlosen Klettertour in die Berge, wo Ashenden im entscheidenden Moment zögert; der General übernimmt kaltblütig und stösst Caypor in den Tod, während dessen ahnungslose Frau im Tal auf seine Rückkehr wartet.
Kurz darauf trifft ein chiffriertes Telegramm ein: Caypor war nicht der gesuchte Agent. Für Ashenden ist der irrtümliche Mord moralisch verheerend, während der General die Verwechslung makaber belustigt und sich über die «Komik» der Situation amüsiert – ein Zynismus, der Ashenden und Elsa entsetzt. Elsa, die sich in ihren Mann zu verlieben begonnen hatte, reagiert fassungslos auf die Nachricht, dass ihre Rolle als «Spionin» tatsächlich zum Tod eines Unschuldigen geführt hat, und kündigt an, den Auftrag aufzugeben. Im Hotel trifft sie auf Marvin, der sie zu einer Weiterreise einlädt; verletzt und ohne Plan, schliesst sie sich ihm an, während Ashenden und der General allein weitersuchen.
Über eine geheime «Briefkasten»-Struktur in einer Schokoladenfabrik – einer getarnten deutschen Nachrichtenstelle – gelingt es Ashenden und dem General schliesslich, ein wichtiges Telegramm einzusehen, das den gesuchten Agenten identifiziert. Zur Bestürzung der beiden lautet der Name: Robert Marvin. Sie nehmen denselben Zug wie Marvin und Elsa, der Richtung Balkan und weiter in osmanisches Gebiet fährt, und planen, ihn irgendwo vor der Grenze zu stoppen. In einem Zugabteil stellen sie Marvin zur Rede, der seine Rolle als deutscher Agent indirekt eingesteht, während Elsa zwischen Loyalität zu ihrem Land, ihrer Abscheu vor weiterer Gewalt und ihrer Zuneigung zu Ashenden hin‑ und hergerissen ist.
Bevor Ashenden überhaupt entscheiden kann, ob er Marvin tatsächlich erschiessen will, greifen britische Flugzeuge den Zug an, um den Agenten auszuschalten. Die Bombardierung bringt den Zug zum Entgleisen, Wagen stürzen einen Abhang hinunter, Passagiere werden umhergeschleudert – inmitten des Chaos wird Marvin tödlich verletzt, der General von einem Schuss getroffen, während Ashenden und Elsa unverletzt bleiben. Marvin stirbt noch im Wrack, und der General sinkt, halb lachend über das «theatralische» Ende, in Ashendens Arme. Das Paar kehrt nach England zurück und legt die Spionagetätigkeit nieder – desillusioniert von der moralischen Verwischung zwischen Pflicht, Mord und Zufall, die dieser Auftrag mit sich gebracht hat.
Cameo
Lange Zeit wurde behauptet, Hitchcock sei in «Secret Agent» als Passagier auf der Schiffsgangway zu sehen, der vor Ashenden an Land geht. Detailanalysen und Vergleichsfotos haben jedoch gezeigt, dass es sich dabei um den Schauspieler Francis de Wolff handelt; Hitchcock selbst hat in diesem Film keinen gesicherten Cameo‑Auftritt.
Seriöse Cameo‑Listen führen «Secret Agent» deshalb explizit als einen der wenigen Filme der Tonära, in denen der Regisseur nicht erkennbar in Erscheinung tritt.
Production Facts
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Der Film basiert auf Campbell Dixons Bühnenstück, das wiederum lose auf zwei Geschichten aus W. Somerset Maughams Sammlung «Ashenden: Or the British Agent» beruht; Hitchcock und sein Team entfernten sich in Tonfall und Plot deutlich von der literarischen Vorlage.
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Gedreht wurde als Gaumont‑British‑Produktion überwiegend in britischen Studios, die Schweizer Alpen wurden mit Aussenaufnahmen in Frutigen im Kanton Bern und Studio‑Trickaufnahmen kombiniert.
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Um John Gielgud zu gewinnen, beschrieb Hitchcock ihm die Figur Ashenden als «modernen Hamlet» – Gielgud war später enttäuscht, weil er fand, der Film mache den Killer (Peter Lorre) wesentlich interessanter als den zögerlichen Helden.
Fun Facts
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Madeleine Carroll war kurz zuvor in «The 39 Steps» Hitchcocks erste grosse «Blonde» gewesen; «Secret Agent» diente auch dazu, das erfolgreiche Leinwandimage einer coolen, ironischen, aber emotional verletzlichen Heldin weiterzuführen.
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Peter Lorre, noch berühmt aus «M», spielt den General mit bewusst überzeichnetem Akzent und groteskem Humor; viele Kritiker fanden seine Szenen so dominant, dass sie den Ton des Films fast ins Schwarze der Farce kippen lassen.
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Unter den ungenannten Nebendarstellern tauchen gleich mehrere spätere Hitchcock‑Akteure auf, darunter Michael Redgrave, der zwei Jahre später in «The Lady Vanishes» eine Hauptrolle erhielt, und Michael Rennie in seinem Filmdebüt.
Pannen & Patzer
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Obwohl die Handlung klar im Jahr 1916 spielt, sind Kleidung, Frisuren und Innendekor typisches Jahr‑1936‑Design; insbesondere Elsas Kleider und Marvins Anzüge entsprechen der Mode der 1930er Jahre, nicht der des Ersten Weltkriegs.
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In der Szene, in der Ashenden und der General Caypor am Berg begleiten, wechseln die Schattenrichtungen und Schneetexturen deutlich zwischen den Einstellungen – ein Hinweis auf Mischungen von Studio‑Kletterwand und echten Aussenaufnahmen.
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Während des Zugangriffs im Finale springt die Zahl der Waggons und ihre Anordnung mehrfach: In Totaleinstellungen sind mehr Wagen zu sehen, als später im Modellabsturz auftauchen, und ein zuvor gezeigter Speisewagen «verschwindet» im Crash ohne Spur.
1936
11. Mai 1936
86 Minuten