Plot
Der US‑Raketenwissenschaftler Michael Armstrong reist 1965 mit seiner Verlobten und Assistentin Sarah Sherman zu einer Konferenz nach Kopenhagen. Dort erhält er eine chiffrierte Nachricht, bricht seine Teilnahme überraschend ab und behauptet gegenüber Sarah, allein nach Stockholm weiterreisen zu müssen. Misstrauisch stellt sie fest, dass sein Ticket nach Ost‑Berlin geht, folgt ihm heimlich und erlebt bei der Ankunft mit, wie er von DDR‑Funktionären wie ein überlaufender Star‑Wissenschaftler begrüsst wird – für sie wirkt es wie eine echte, endgültige Defektion hinter den «Eisernen Vorhang».
Armstrongs vermeintlicher Seitenwechsel ist in Wahrheit Teil einer Geheimoperation: Über einen konspirativen «Bauernhof» und das Fluchtnetzwerk π will er das Vertrauen der ostdeutschen Führung gewinnen, um dem exzentrischen Physiker Professor Gustav Lindt das Wissen über ein Anti‑Raketen‑System zu entlocken. Als ihn Sicherheitsoffizier Gromek bis zu dem Bauernhof verfolgt und Armstrongs Doppelspiel durchschaut, kommt es in der Küche zu einem langen, rohen Kampf, in dessen Verlauf Armstrong und die Bäuerin Gromek ohne Schusswaffe töten und seine Leiche samt Motorrad vergraben, um keinen Verdacht zu erregen. Kurz darauf beginnen die Behörden dennoch zu ermitteln, Gromeks Verschwinden macht Armstrong verdächtig, und Sarah gerät unter Druck, zu westlichen Raketenprogrammen auszusagen.
In Leipzig, an der Karl‑Marx‑Universität, spielt Armstrong den wissbegierigen Überläufer und reizt Lindt mit absichtlich falsch gerechneten Formeln so lange, bis der beleidigte Professor in einem Anfall verletzten Stolzes seine korrekten Gleichungen und das gesuchte Geheimwissen preisgibt. In dem Moment, als über Lautsprecher die Fahndung nach Armstrong und Sarah ausgerufen wird, merkt Lindt, dass er seine Erkenntnisse verschenkt hat, während seine Gäste nichts im Gegenzug offenbart haben. Mit Hilfe der Ärztin Dr. Koska, die zum π‑Netzwerk gehört, fliehen Armstrong und Sarah zunächst per Bus, später mit einer bunt gemischten Gruppe Richtung Berlin und schlagen sich durch Polizeikontrollen, eine Razzia und Verratsmomente.
Schliesslich erreichen sie mit Hilfe von Untergrundkontakten ein Ballettensemble, das nach Westen reisen darf. Als Armstrong im Theater von einer Tänzerin wiedererkannt und der Staatssicherheit gemeldet wird, ruft er in letzter Verzweiflung «Feuer!» und nutzt die Panik im Zuschauerraum, um mit Sarah im Chaos zu entkommen. Versteckt in zwei Wäschekörben gelangen sie an Bord eines Schiffs Richtung Schweden, überstehen eine letzte Durchsuchung unter Beschuss, weil ein Verbündeter absichtlich die falschen Körbe verrät, und tauchen schliesslich wohlbehalten auf der neutralen Seite wieder auf – mit Lindts Formel im Kopf und dem Ostblock, der um seinen vermeintlichen Überläufer betrogen wurde.
Cameo
In «Der zerrissene Vorhang» erscheint Hitchcock sehr früh im Film, noch bevor die Spionagehandlung richtig einsetzt. Etwa acht Minuten nach Beginn sitzt er in der Lobby des Hotel d’Angleterre in Kopenhagen und hat ein Baby auf dem Schoss, das er sichtbar etwas unbeholfen hält. In dem Moment, in dem die Kamera an ihm vorbeigleitet, hebt er das Kind leicht hoch, als hätte es ihm gerade auf den Schoss gemacht, und rutscht unbehaglich hin und her – ein trockener Gag ganz ohne Dialog, der nur über Körperhaltung und Mimik funktioniert.
Der Cameo ist hier besonders subtil: Er steht nicht im Zentrum des Bildes, sondern bleibt eine beiläufige Beobachtung im Hintergrund der Hotellobby-Szene, während die Aufmerksamkeit eigentlich auf Michael Armstrongs Reiseplänen liegt. Gerade dadurch wirkt der Auftritt wie ein kleiner Insider-Witz für aufmerksame Zuschauerinnen und Zuschauer, der den sonst eher nüchternen Einstieg in den Kalten-Krieg-Thriller mit einem Hauch von alltäglicher Peinlichkeit auflockert.
Production Facts
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Für «Der zerrissene Vorhang» ersetzte das Studio Hitchcocks Wunschbesetzung durch Paul Newman und Julie Andrews, weil beide damals grosse Kassenmagnete waren; Hitchcock empfand diesen Starzwang als kreative Einschränkung.
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Eine zentrale Idee der Produktion war die berühmte Gromek‑Mordszene: Hitchcock wollte zeigen, wie schwer es tatsächlich ist, einen Menschen ohne Schusswaffe zu töten, und inszenierte den Kampf bewusst lang, körperlich und unglamourös.
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Mit Bernard Herrmann kam es während der Produktion zum Bruch: Hitchcock lehnte Herrmanns Score ab, woraufhin die jahrelange Zusammenarbeit (u.a. «Vertigo», «Psycho») abrupt endete; die Musik stammt schliesslich von John Addison.
Fun Facts
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In der Bus‑Fluchtszene mit dem «Bauernhof»-Netzwerk griff Hitchcock mehrere reale Fluchthelfer‑Modelle aus der DDR‑Zeit auf, stilisierte sie aber zu einer fast grotesken «Reisegesellschaft» quer durch den Ostblock.
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Hitchcock war mit Teilen des fertigen Films unzufrieden und bezeichnete ihn später als Beispiel dafür, wie stark Studiowünsche und Castingpolitik einem Thriller schaden können – eine selten offene Selbstkritik.
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Die berühmte Ballett‑Finale-Flucht mit der «Feuer!»-Panik war ursprünglich kleiner angelegt; Hitchcock erweiterte sie, um noch einmal ein grosses, wortlos erzähltes Suspense-Setpiece in den Film zu integrieren.
Pannen & Patzer
- In mehreren Strassen‑Szenen in Ost‑Berlin fahren deutlich erkennbare VW Käfer und Mercedes‑Limousinen durchs Bild, also typische westdeutsche Fahrzeuge. Solche Wagen wären in der DDR‑Hauptstadt dieser Zeit extrem unwahrscheinlich und entlarven die Studio‑ bzw. West‑Drehorte als Kulisse.
- Als die Agenten Gromeks vergrabene Motorrad ausbuddeln, ziehen sie die Maschine aus der Erde, doch das Motorrad ist nahezu makellos: glänzendes Chrom, kein sichtbarer Dreck oder Kratzer. Nach längerer Zeit im Erdreich müsste Lack und Metall klar verschmutzt oder beschädigt sein – hier siegt der Schauwert über die Glaubwürdigkeit.
- In der Szene, in der Armstrong Sarah auf einer Anhöhe erklärt, dass er nicht wirklich zur DDR überlaufen will, sieht man bei einer Totalen deutlich die Studiobeleuchtung über dem blauen Hintergrund, der den Himmel darstellen soll. Der künstliche «Aussen»-Schauplatz verrät sich damit durch sichtbare Scheinwerfer und eine unnatürlich gleichmässige Himmelsfläche.
1966
14. Juli 1966
128 Minuten