Plot
Der ehemalige Polizist John «Scottie» Ferguson leidet nach einem beinahe tödlichen Einsatz unter starker Höhenangst und hat sich aus dem aktiven Dienst zurückgezogen. Er wird von einem alten Studienfreund beauftragt, dessen Ehefrau Madeleine zu beschatten, die sich von der verstorbenen Vorfahrin Carlotta Valdes besessen glaubt. Scottie beobachtet, wie Madeleine ziellos durch San Francisco streift, alte Schauplätze Carlottas aufsucht und sich immer tiefer in eine fremde, melancholische Welt zurückzieht. Fasziniert und zunehmend verliebt in diese zerbrechliche Frau, wird Scottie zugleich zum Wächter und zum Gefangenen ihrer vermeintlichen Todessehnsucht.
Als Madeleine sich an der Küste ins Meer stürzt, rettet Scottie sie, und zwischen beiden entsteht eine zarte, aber von Geheimnissen durchzogene Nähe. Doch seine Höhenangst macht ihn schliesslich zum ohnmächtigen Zeugen: In einem Glockenturm kann er Madeleine nicht folgen und sieht scheinbar hilflos mit an, wie sie in den Tod stürzt. Gebrochen und von Schuldgefühlen gequält, verfällt Scottie in einen Zustand der Apathie und Depression, aus dem ihn erst eine zufällige Begegnung reisst. Er trifft auf Judy, eine einfache Verkäuferin, die Madeleine zum Verwechseln ähnlich sieht und ihn zwanghaft an seine verlorene Liebe erinnert.
Besessen beginnt Scottie, Judy nach seinem Idealbild zu formen: Er bestellt ihr dieselben Kleider, zwingt sie zu Madeleines Frisur und Make-up, bis die lebendige Frau hinter der Rolle mehr und mehr verschwindet. In dieser unheimlichen Wiederholung wird allmählich klar, dass hinter der Tragödie ein perfekter Mordplan stand: Judy war die «Madeleine», die Scottie beobachten sollte, um den angeblichen Selbstmord zu bezeugen, während in Wahrheit die echte Ehefrau des Freundes bereits tot war. Als Scottie die Wahrheit erkennt, schleppt er Judy zurück in den Glockenturm, entschlossen, seine Angst zu überwinden und das einstige Trauma zu durchbrechen. Doch im Moment der Konfrontation erschrickt Judy vor einer Schattenfigur, stürzt in die Tiefe, und Scottie bleibt allein zurück – endlich frei von seiner Höhenangst, aber gefangen in der Erkenntnis, dass seine Obsession zwei Frauen das Leben gekostet hat.
Cameo
In «Vertigo» erscheint Alfred Hitchcock relativ früh im Film in einem sehr kurzen, leicht zu übersehenden Moment. Scottie begegnet seinem alten Freund Gavin Elster in dessen Büro im Stadtzentrum von San Francisco. Kurz nachdem Scottie das Gebäude betreten hat oder die Szene auf die Strassenseite schneidet, sieht man Hitchcock im Profil am Strassenrand mit einem Aktenkoffer oder einer Art Mappe in der Hand vorbeigehen.
Er wirkt wie ein ganz normaler Geschäftsmann im Gedränge der Stadt, ohne dass die Handlung auf ihn reagiert. Dieser Auftritt ist, wie bei seinen anderen Filmen, bewusst unspektakulär gehalten und relativ früh platziert, damit das Publikum seine Präsenz wahrgenommen hat und sich anschliessend vollständig auf die zunehmend obsessive Geschichte um Scottie und Madeleine konzentrieren kann.
Production Facts
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Der Film basiert auf dem französischen Roman «D’entre les morts» (1954) von Pierre Boileau und Thomas Narcejac, dessen Handlung Hitchcock für das Medium Film stark umstrukturieren liess, insbesondere indem er die Auflösung des Komplotts deutlich vorzieht.
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Gedreht wurde von September 1957 bis Januar 1958 im Breitwandverfahren VistaVision und in Technicolor, mit einem Budget von rund 2,5 Millionen US‑Dollar.
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Viele Szenen entstanden an Originalschauplätzen in San Francisco, etwa vor Madeleines Wohnhaus, Judys Hotel und Scotties Appartement, obwohl Hitchcock sonst häufig Studiobauten bevorzugte.
Fun Facts
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Um Scotties Schwindelgefühl sichtbar zu machen, entwickelte Hitchcock erstmals den berühmten «Vertigo‑Effekt» (Dolly-Zoom), bei dem die Kamera vorfährt und gleichzeitig herauszoomt, sodass der Raum sich unnatürlich ausdehnt.
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Das ikonische Vorspann-Design mit den abstrakten Spiralen stammt von Saul Bass, der auch das US-Kinoplakat gestaltete und später wieder mit Hitchcock zusammenarbeitete.
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Bei seiner ursprünglichen Auswertung galt «Vertigo» als kommerzieller Misserfolg und spielte nur ungefähr seine Kosten ein; erst Jahre später wurde der Film als Meisterwerk anerkannt und zählt heute zu den einflussreichsten Thrillern der Filmgeschichte.
Pannen & Patzer
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Gleich zu Beginn, in der Dachverfolgung, rutscht Scottie über ein Dach mit flachen Holzschindeln, doch in den Gegenschüssen zum Polizisten liegen plötzlich halbrunde Ziegel; das Dachmaterial wechselt innerhalb derselben Szene.
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Beide Fahrten zur Mission: In den Aussenaufnahmen fahren Scottie und Madeleine (bzw. später Judy) eindeutig auf der rechten Strassenseite, in den Innenaufnahmen wirken sie jedoch so, als würden sie auf der linken Seite fahren – ein Widerspruch durch die getrennten Fahrbahnen der realen US 101.
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Im Glockenturm-Finale löst sich während des Gerangels Judys Frisur teilweise, einige Strähnen fallen heraus; kurz darauf, noch bevor sie stürzt, sitzt ihr Haar wieder deutlich ordentlicher – ein typischer Continuity-Fehler bei Maske und Frisur.
1958
9. Mai 1958
128 Minuten