Plot
«The Mountain Eagle» ist ein verschollener Stummfilm von 1926, dessen Handlung sich nur aus zeitgenössischen Synopsen und Kritiken rekonstruieren lässt. Die Geschichte spielt in einem abgelegenen Bergdorf in Kentucky, das vom verwitweten Friedensrichter J. P. Pettigrew beherrscht wird, der seinen körperlich behinderten Sohn Edward fanatisch liebt und den zurückgezogen lebenden Einzelgänger John «Fear o’ God» Fulton abgrundtief hasst.
Fulton war einst ebenfalls in Pettigrews verstorbene Frau verliebt, was den alten Groll nährt. In dieses gespannte Gefüge gerät die junge Dorfschullehrerin Beatrice, die sich mit ihrem unabhängigen Auftreten schnell den Argwohn des Patriarchen zuzieht.
Pettigrew beobachtet, wie sein Sohn Edward zärtlich mit Beatrice flirtet, und stellt sie daraufhin unter einem Vorwand zur Rede. In seinem Büro versucht er, sie selbst zu umarmen; Beatrice weist ihn entsetzt zurück. Aus gekränkter Eitelkeit und Eifersucht stempelt er sie öffentlich als «wanton woman» ab, eine liederliche Verführerin, und hetzt damit die Dorfgemeinschaft gegen sie auf. Als die Menge Beatrice anfeindet, greift der in den Bergen lebende Fulton ein: Er rettet sie vor der aufgebrachten Gruppe und bringt sie in seine Hütte hoch oben im Gebirge, wo sie zunächst als Fremde in seinem rauen, aber ehrlichen Leben zurechtkommen muss.
Um den Dorfklatsch zu ersticken, zwingt Fulton Pettigrew, die beiden offiziell zu verheiraten. Er erklärt Beatrice, die Ehe sei nur eine Formalität und man könne später die Scheidung einreichen; sie akzeptiert, um ihren Ruf zu retten. In der Einsamkeit der Berge wandelt sich das Zweckbündnis jedoch nach und nach in echte Zuneigung, und Beatrice wird schwanger. Pettigrew, ausser sich vor Wut über den Verlust der Kontrolle und den «Fall» der Frau, die er begehrte, nutzt das Verschwinden seines Sohns Edward – der vor der schwelenden Feindschaft davongelaufen ist – für einen neuen Schlag. Er beschuldigt Fulton des Mordes an Edward und lässt ihn trotz fehlender Beweise festnehmen und ins Gefängnis werfen.
Fulton bleibt über ein Jahr in Haft, während Beatrice in der Hütte das gemeinsame Kind zur Welt bringt und in ständiger Angst vor weiteren Übergriffen Pettigrews lebt. Schliesslich entscheidet sich Fulton zur Flucht: In einer verfolgungsreichen Sequenz entkommt er dem Gefängnis und flieht mit Beatrice und dem Kind durch Schnee und Gebirge. Unterwegs erkrankt Beatrice schwer, was Fulton zwingt, in das verhasste Dorf zurückzukehren, um einen Arzt zu holen. Dort macht er eine überraschende Entdeckung: Edward ist inzwischen unversehrt zurückgekehrt, womit der Mordvorwurf in sich zusammenfällt. Zeitgenössische Berichte sind sich uneins, ob Pettigrew in der Folge versehentlich oder absichtlich angeschossen wird, doch klar ist, dass er als Bedrohung ausgeschaltet wird und als gebrochener Mann zurückbleibt. Für Fulton, Beatrice und ihr Kind öffnet sich damit die Möglichkeit eines friedlichen Lebens – ein versöhnlicher Schluss, der vom Kontrast zwischen bigotter Dorfgemeinschaft und eigenwilliger, selbst gewählter Familie lebt.
Cameo
Da «The Mountain Eagle» als verschollen gilt und keine Kopie des Films erhalten ist, lässt sich ein möglicher Cameo Hitchcocks nicht prüfen. Seriöse Filmographien verzeichnen keinen gesicherten Auftritt; Berichte über eine angebliche Rolle als Gemüsehändler mit Kohlköpfen gehen auf einen Aprilscherz‑Artikel zurück und sind nachweislich erfunden.
Production Facts
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«The Mountain Eagle» war Hitchcocks zweiter Langfilm nach «The Pleasure Garden» und ist der einzige seiner Filme, von dem keine bekannte Kopie mehr existiert.
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Gedreht wurde 1925 überwiegend in den Tiroler Alpen, die im Film die Berge Kentuckys darstellen sollten; schwierige Wetterbedingungen machten die Aussenaufnahmen problematisch.
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Hitchcock selbst nannte den Film später gegenüber François Truffaut «awful» und bedauerte angeblich nicht, dass er verschollen ist – eine selten kritische Selbsteinschätzung.
Fun Facts
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Beim Versuch, ein verschneites Feld für Dreharbeiten freizubekommen, liess Hitchcock mit Hilfe der Feuerwehr Schnee wegspritzen; dabei stürzte teilweise das Dach eines Hauses ein, dessen Besitzerin er spontan mit zwei Schilling entschädigte.
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Hauptdarstellerin Nita Naldi geriet mehrfach mit Hitchcock in Streit und kollabierte einmal vor der Kamera, nachdem sie in einer Szene zu heftig auf den Boden geschleudert worden war.
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Trotz seines schlechten Rufs unter Kritikern steht der Film ganz oben auf der «Most Wanted»-Liste des BFI; neu entdeckte Standfotos haben in den letzten Jahren immer wieder Spekulationen und Suchaktionen ausgelöst.
Pannen & Patzer
Da der Film verschollen ist, gibt es keine dokumentierten Goofs im modernen Sinn. Aus den Produktionsberichten lassen sich aber drei wahrscheinliche Schwachstellen ableiten:
- Die Tiroler Landschaft sollte Kentucky darstellen, was mitunter wenig überzeugend gewesen sein dürfte und zu geografischen «Fehlern» im Setting geführt haben könnte.
- Zeitgenössische Kritiken deuteten an, dass die Handlung melodramatisch überfrachtet wirkte, mit vielen Wendungen (Verleumdung, Scheinehe, falsche Mordanklage, Gefängnisausbruch), was auf strukturelle Überfrachtung der Regie schliessen lässt.
- Die schwierigen Aussenaufnahmen im Schnee, inklusive Verfolgung über schneebedeckte Hänge, dürften Anschlussprobleme bei Spuren im Schnee und Lichtverhältnissen erzeugt haben, wie man sie aus anderen Stummfilmen dieser Zeit kennt.
1926
1. Oktober 1926
100 Minuten