A Tribute to the Master of Suspense

Blackmail

Erpressung

Verkäuferin Alice White streitet sich mit ihrem Scotland‑Yard‑Freund Frank und geht stattdessen mit einem Künstler in dessen Atelier. Als er sie bedrängt, ersticht sie ihn in Notwehr mit einem Messer und versucht, ihre Spuren zu verwischen. Frank wird auf den Fall angesetzt, erkennt Alice’ Beteiligung – doch ein zwielichtiger Zeuge beginnt, das Paar zu erpressen. Hitchcocks erster Tonfilm (1929) existiert in Ton- und Stummfassung.
Plot

«Blackmail» spielt im London der späten 1920er-Jahre und erzählt von der jungen Verkäuferin Alice White, die mit dem ehrgeizigen Scotland‑Yard‑Inspektor Frank Webber liiert ist. Nach einem Streit mit Frank lässt sie ihn abblitzen und geht stattdessen mit dem charmanten Künstler Mr. Crewe aus, der sie in sein Atelier einlädt.

Anfangs wirkt der Abend wie ein harmloser Flirt; Crewe zeigt ihr ein Kleid, spielt Klavier und umwirbt sie, doch die Stimmung kippt, als er aufdringlich wird und sich an sie heranmacht. Alice versucht ihn abzuwehren, doch Crewe ignoriert ihre Gegenwehr und beginnt, sie zu bedrängen – eine Szene, die der Film als deutlich sexualisierte Bedrohung inszeniert. In panischer Notwehr greift Alice zu einem Brotmesser und sticht zu, bis Crewe tot zusammenbricht.

Schockiert und wie betäubt versucht Alice, Spuren zu verwischen: Sie ordnet das Zimmer, wischt Fingerabdrücke weg und vergisst dabei, dass sie einen ihrer Handschuhe im Atelier liegen lässt. Anschliessend irrt sie die Nacht durch London, an hell erleuchteten Reklameschildern und Schaufenstern vorbei, während in ihrem Kopf das Wort «Murder» nachhallt – eine der berühmtesten Tonpassagen des Films. Am nächsten Morgen wird Crewes Leiche entdeckt, und Scotland Yard übernimmt die Ermittlungen; unter den Beamten ist auch Frank, der zunächst nicht ahnt, dass seine Freundin in den Fall verwickelt ist. Im Atelier findet er schliesslich einen Handschuh, den er als Alices Eigentum erkennt, und beginnt, eins und eins zusammenzuzählen.

Als Frank später mit Alice allein ist, konfrontiert er sie vorsichtig mit dem Handschuh, während sie zunehmend von Schuldgefühlen und Angst vor Entdeckung zermürbt wird. In diese angespannte Situation platzt der Kleinkriminelle Tracy, der das Paar im Restaurant beobachtet hat: Er besitzt den zweiten Handschuh und hat mitbekommen, dass Alice mit Crewe in dessen Wohnung verschwunden ist. Tracy begreift die Chance und beginnt, Frank und Alice zu erpressen: Zunächst fordert er kleinere Gefälligkeiten und Geld, doch schnell wird klar, dass seine Forderungen eskalieren könnten. Frank, innerlich hin‑ und hergerissen zwischen Pflichtgefühl als Polizist und seiner Liebe zu Alice, beschliesst, sie zu schützen und die Wahrheit vor seinen Kollegen zu verbergen.

Die Lage spitzt sich zu, als der Concierge Tracy als Verdächtigen identifiziert, weil er in der Nähe des Tatorts gesehen wurde, und die Polizei ihn offiziell ins Visier nimmt. Frank sieht darin eine Gelegenheit, Alice zu entlasten, und lockt Tracy in die Enge, während weitere Beamte unterwegs sind, um ihn festzunehmen. Es folgt eine dramatische Verfolgungsjagd durch das British Museum: Tracy flieht durch Ausstellungssäle und Treppenhäuser, klettert schliesslich auf die Kuppel und stürzt durch ein Glasdach in den Tod, als die Polizei ihn umstellt. Mit seinem Tod scheint die Gefahr gebannt, doch Alice wird von ihrem Gewissen gequält und beschliesst, bei Scotland Yard ein Geständnis abzulegen. Der Film endet offen zwischen moralischer Konsequenz und institutioneller Vertuschung und zeigt bereits viele Motive, die Hitchcock später ausbauen sollte: eine scheinbar gewöhnliche Frau im Strudel von Schuld, Schweigen und institutioneller Macht.

Cameo

In «Blackmail» hat Hitchcock einen seiner frühesten und deutlichsten Cameos. Etwa zehn Minuten nach Filmbeginn sitzt er in einem U‑Bahn‑Wagen und liest Zeitung, während ein kleiner Junge ihn beharrlich nervt und über die Sitzbank hinwegturnt. Auffällig ist, dass Hitchcock frontal zur Kamera platziert ist, während die Hauptfiguren eher im Profil zu sehen sind – ein langes, fast schon verspieltes Selbstporträt, bevor er später zu kürzeren, subtileren Cameos überging.

Production Facts
  • «Blackmail» begann als Stummfilmproduktion und wurde während der Dreharbeiten zum Tonfilm umgebaut; Hitchcock drehte parallel eine vollständige Stumm‑ und eine Tonversion.

  • Hauptdarstellerin Anny Ondra hatte einen starken Akzent, weshalb ihre Dialoge in der Tonfassung live von Schauspielerin Joan Barry im Off gesprochen wurden, während Ondra auf dem Set lippensynchron spielte.

  • Für die berühmte Schlussverfolgung im British Museum waren die Lichtverhältnisse zu schlecht, daher nutzte Hitchcock heimlich das Schüfftan‑Verfahren: Schauspieler wurden in Spiegelaufnahmen von Museumsfotos «hineinkomponiert».

Fun Facts
  • «Blackmail» gilt oft als «erster britischer Tonspielfilm», auch wenn es technische Vorläufer gab; der Film war 1929 ein grosser Kassenerfolg und machte Hitchcock als Innovator des Tonfilms bekannt.

  • Die berühmte «Knife! Knife!»-Sequenz, in der Alice am Frühstückstisch sitzt und nur dieses Wort aus dem Geplapper einer Nachbarin heraussticht, entstand aus Hitchcocks Interesse daran, subjektive Wahrnehmung durch Ton zu gestalten.

  • Hitchcock nutzte in «Blackmail» erstmals ein prominentes Wahrzeichen – das British Museum – als Schauplatz für ein Finale, eine Strategie, die er später mit Mount Rushmore in «North by Northwest» oder der Freiheitsstatue in «Saboteur» wiederholte.

Pannen & Patzer
  • In einigen Einstellungen beim Übergang von der stummen zur Tonfassung sind Lippenbewegungen und gesprochene Worte leicht asynchron, was auf nachträgliche Dialogersetzung und technische Grenzen der frühen Tonaufnahme zurückgeht.

  • Mehrere Szenen in der Tonversion wirken sichtbar statischer als in der Stummvariante, weil die Kamera an schallisolierte Boxen gebunden war; so entstehen abrupte Wechsel zwischen bewegten und fast bühnenhaften Einstellungen.

  • In der Verfolgungsjagd im Museum variiert die Position von Tracys Hut zwischen Schnitten, und einzelne Ausstellungsobjekte «wandern» im Hintergrund – kleine Continuity‑Unstimmigkeiten, die bei der komplexen Kombination aus Studio‑ und Trickaufnahmen entstanden.

Erscheinungsjahr
1929
Premiere
30. Juni 1929
Laufzeit
85 Minuten