A Tribute to the Master of Suspense

Murder!

Mord – Sir John greift ein!

Die Schauspielerin Diana Baring wird neben der ermordeten Kollegin Edna Druce gefunden, blutbefleckt und ohne Erinnerung an die Tat. Eine Jury verurteilt sie, obwohl der berühmte Bühnenstar Sir John Menier Zweifel an ihrer Schuld hat. Von Gewissensbissen geplagt, nimmt Sir John nach dem Prozess eigene Ermittlungen auf, taucht ins Milieu der Wanderbühnen ein und entlarvt den wahren Täter, bevor Dianas Todesurteil vollstreckt wird.
Plot

Der britische Krimi «Murder!» aus dem Jahr 1930 erzählt von der jungen Schauspielerin Diana Baring, die in einer Provinztheatertruppe unterwegs ist und eines Nachts neben der Leiche ihrer Kollegin Edna Druce aufgefunden wird. Diana sitzt wie benommen am Tatort, mit Blutspuren an ihrer Kleidung, und zu ihren Füssen liegt das Tatwerkzeug, ein schwerer Kaminpoker.

Auf Fragen der Polizei kann sie kaum antworten und behauptet, eine Erinnerungslücke zu haben – zugleich verschweigt sie bewusst Informationen über einen Mann, den sie zu schützen versucht. Für die Ermittler und die Öffentlichkeit ist der Fall damit klar: Rivalität unter Schauspielerinnen, eine scheinbar erdrückende Indizienlage, ein spektakulärer Fall für die Boulevardpresse.

Vor Gericht sitzt Diana regungslos, während die Geschworenen über ihr Schicksal beraten. Die meisten sind überzeugt, dass sie schuldig ist; einzelne halten sie für seelisch krank, aber trotzdem gefährlich. Nur Sir John Menier, ein prominenter Schauspieler und Theaterdirektor, zweifelt an ihrer Schuld. Unter Druck der übrigen Geschworenen gibt er schliesslich nach, stimmt dem Schuldspruch zu – und ist kurz darauf von Schuldgefühlen geplagt. Als er erfährt, dass Diana seit ihrer Kindheit ein glühender Bewunderer seiner Bühnenarbeit ist, wächst in ihm die Überzeugung, dass diese offenherzige junge Frau kein kaltblütiger Mörder sein kann.

Sir John nimmt auf eigene Faust die Ermittlungen auf und nutzt seine Erfahrung mit Rollen, Inszenierungen und Masken, um hinter die Fassade der Theatertruppe zu blicken. Unterstützt vom Bühnenmanager Ted Markham und dessen resoluter Frau Doucie rekonstruiert er den Tatabend, befragt Kollegen und verknüpft Widersprüche in ihren Aussagen. Bald verengt sich der Kreis der Verdächtigen auf einen Schauspieler der Truppe: den geheimnisvollen Handel Fane.

Bei einem Besuch im Gefängnis erfährt Sir John von Dianas Zurückhaltung: Fane verbirgt seine gemischte Herkunft, gibt sich als weiss aus und hatte eine leidenschaftliche Beziehung zu Edna, die drohte, sein Geheimnis zu verraten. Diana wusste bereits davon – und schwieg vor Gericht, um ihn zu schützen. Sir John ersinnt daraufhin eine raffinierte Falle: Er lädt Fane zu einem Vorsprechen für ein neues Stück ein, in dem der Plot dem tatsächlichen Mordfall verdächtig ähnelt. Fane begreift, dass Sir John die Wahrheit kennt, verweigert jedoch ein offenes Geständnis und flieht zurück in seine frühere Nummer als als Frau kostümierter Trapezkünstler in einem Zirkus.

Im dramatischen Finale besuchen Sir John, Ted und Doucie die Zirkusvorstellung, wo Fane hoch oben in der Manege auftritt. Als er die drei im Publikum entdeckt und erkennt, dass sein Doppelspiel beendet ist, entscheidet er sich für den Ausweg in den Tod: Er formt aus seinem Sicherungsseil eine Schlinge, legt sie sich um den Hals und lässt los. Der Zuschauerraum jubelt, ahnungslos, während Fane sich erhängt, und Hitchcock blendet von der Tat weg auf die schockierten Gesichter der Zeugen. Später findet Sir John die schriftliche Beichte des Zirkuskünstlers, die Dianas Unschuld endgültig beweist. So wird aus dem scheinbar eindeutigen Indizienfall eine Geschichte über Irrtum, Vorurteil und die moralische Verantwortung eines Mannes, der seine Stimme zunächst zu spät, dann umso entschlossener erhebt.

Cameo

Alfred Hitchcocks Cameo in «Murder!» ist kurz und leicht zu übersehen. Ungefähr eine Stunde nach Filmbeginn spaziert er als unbeteiligter Passant an dem Haus vorbei, in dem der Mord begangen wurde, während Sir John, Doucie und Ted dort unterwegs sind. Die Szene ist unspektakulär inszeniert: Hitchcock mischt sich schlicht unter die Spaziergänger und wird so Teil der Welt, die er inszeniert – ein frühes Beispiel für das persönliche Markenzeichen, das er später konsequent in fast all seine Filme einbauen sollte.

Production Facts
  • «Murder!» entstand bei British International Pictures in den Elstree Studios in Borehamwood und gehört zu Hitchcocks frühen britischen Tonfilmen.

  • Ursprünglich sollte der Film wie die Romanvorlage den Titel «Enter Sir John» tragen; der kürzere Titel «Murder!» wurde erst während der Dreharbeiten beschlossen.

  • Die berühmte Szene, in der Sir John vor dem Spiegel laut denkt, musste mit einem 30-köpfigen Orchester hinter dem Set live eingespielt werden, weil nachträgliche Tonmischung zu diesem Zeitpunkt technisch kaum möglich war.

Fun Facts
  • Parallel zur englischen Fassung entstand eine deutsche Version mit teils anderer Besetzung, ein in der frühen Tonfilmzeit verbreitetes Verfahren, um unterschiedliche Sprachmärkte zu bedienen.

  •  Hitchcock experimentiert im Film deutlich mit dem neuen Medium Ton, etwa durch den inneren Monolog Sir Johns oder durch bewusst eingesetzte Geräusche, was «Murder!» zu einem wichtigen Zwischenschritt in seiner stilistischen Entwicklung macht.

  •  Die Figur des Sir John ist an den bekannten Londoner Bühnendarsteller Gerald du Maurier angelehnt, einen Freund Hitchcocks, was dem Film einen augenzwinkernden Theaterbezug auf und hinter der Bühne verleiht.

Pannen & Patzer
  • In einer Essensszene fährt die Kamera so weit zurück, dass am linken Bildrand kurz ein Arm und ein Bein einer Person sichtbar werden, die sehr wahrscheinlich der Regisseur selbst ist – ein unbeabsichtigter «Cameo» von jemandem hinter der Kamera.

  • Als früher Tonfilm leidet «Murder!» stellenweise unter steifen Dialogszenen, bei denen die Schauspieler kaum aus vorgegebenen Tonbereichen heraustreten dürfen; man spürt, wie die Inszenierung sich der damals schweren, unbeweglichen Aufnahmetechnik beugen muss.

  • Mehrere Dialogpassagen wirken holprig und enthalten Versprecher, die offenbar im Film belassen wurden, weil Wiederholungen technisch und organisatorisch aufwendig gewesen wären – kleine Unsauberkeiten, die heutigen Zuschauern als Regie- oder Continuity-Fehler ins Auge fallen.

Erscheinungsjahr
1930
Premiere
31. Juli 1930
Laufzeit
92 Minuten