Plot
Nach einem heftigen Streit mit ihrer eifersüchtigen Musiker‑Ehemann Guy wird die berühmte Schauspielerin Christine Clay in einem Badeort tot am Strand gefunden; ihr Körper wird von dem jungen Drehbuchautor Robert Tisdall entdeckt, der in Panik Hilfe holen will.
Zwei Badegäste beobachten nur seine fluchtartige Bewegung und sagen später aus, er sei vom Tatort weggerannt, während zugleich bekannt wird, dass Christine ihm eine beträchtliche Summe vererbt hat und ihr Gürtel offenbar zu fehlen scheint – genau mit einem solchen Gürtel wurde sie erdrosselt. Die Indizien reichen der Polizei, um Robert festzunehmen und vor Gericht zu bringen, wo ihm ein inkompetenter Pflichtverteidiger zugeteilt wird. Kurz vor Prozessbeginn nutzt er eine Tumult‑Situation im Gerichtsgebäude, bricht zusammen, wird hinausgeführt und kann im Durcheinander fliehen – ausgerechnet im Auto von Erica Burgoyne, der jungen Tochter des zuständigen Chief Constable, die ihn zunächst für einen gewöhnlichen Passagier hält.
Erst unterwegs begreift Erica, wem sie gerade zur Flucht verholfen hat, und will ihn abliefern, lässt sich dann aber von seiner verzweifelten Unschuldsgeschichte erweichen. Widerwillig versteckt sie ihn zunächst in einer verlassenen Mühle, wo die beiden aufeinanderprallen: der ironische, aber verängstigte Robert und die pflichtbewusste, zugleich neugierige Erica, die gegen ihre Erziehung anfängt, der Polizei zu misstrauen. Als die Fahndung näher rückt, mischen sie sich unter Erics exzentrische Verwandtschaft bei einer lärmenden Kindergeburtstagsparty, was in Slapstick‑Verwicklungen, einem misstrauischen Hausmädchen und einem beinahe auffliegenden Versteck im Schrank kulminiert. Nachdem Erics Tante den Besuch bei Roberts Namen durchschaut, informiert sie den Chief Constable, der versucht, seine Tochter durch Strassensperren zurückholen zu lassen – was Erica und Robert jedoch geschickt umgehen.
Ihr einziger brauchbarer Hinweis ist ein alter Tramp namens Old Will, der angeblich Robert’s verschwundene Regenjacke gefunden hat, deren Gürtel die Mordwaffe sein soll. Sie spüren den verwahrlosten Mann in einem Eisenbahn‑Logierhaus auf; die Jacke ist zwar da, aber der Gürtel fehlt, und Old Will erinnert sich nur an einen Mann mit auffälligem Augenzucken, der ihm den Mantel überlassen habe. Auf der Flucht vor der Polizei durchbrechen die drei eine verlassene Grube, wo Robert knapp entkommt, Erica aber verschüttet und festgenommen wird – nun endgültig zwischen familiärer Loyalität und der Überzeugung von Roberts Unschuld hin‑ und hergerissen. Zuhause zeigt ihr der Vater in einem ruhigen, ernsten Gespräch seinen fertigen Rücktrittsbrief: Er ist bereit, wegen ihres Verhaltens sein Amt aufzugeben, was Erica in ihrer Entscheidung, Robert weiter zu helfen, bestärkt.
In der Nacht taucht Robert in ihrem Zimmer auf, entschlossen, sich zu stellen; doch ein Streichholzbriefchen in der Taschenjacke führt die Spur zu einem Grand Hotel, wo eine Tanzkapelle mit schwarzem Schlagzeuger engagiert ist. Im berühmten Kran‑Shot fährt die Kamera vom lärmenden Ballsaal über die gesamte Menschenmenge, hinein bis ins Gesicht des Schlagzeugers: Seine nervös zuckenden Augen verraten ihn als Guy, Christines Ehemann und wahren Mörder, der in rassistischer Blackface‑Maskerade untertauchen wollte. Als er während eines Bühnenzusammenbruchs kollabiert, darf Erica als «erfahrene Helferin» zu ihm – im Moment der Nahaufnahme beginnt sein charakteristisches Zucken, und damit fällt alles zusammen. Guy gesteht lachend und halb hysterisch den Mord, wird abgeführt, und Robert und Erica stehen am Schluss Seite an Seite, während Erics Vater dem jungen Mann die Hand reicht – ein stilles Einverständnis, dass aus der Jagd auf einen vermeintlichen Täter eine neue Familienkonstellation geworden ist.
Cameo
Hitchcock taucht in «Young and Innocent» etwa 16 Minuten nach Filmbeginn als Pressefotograf vor dem Gerichtsgebäude auf. Er steht mit einem Kollegen in der Menschentraube, versucht die beste Position zu ergattern und gerät kurz mit einem Polizisten aneinander – ausgerechnet im Moment, in dem Robert im Hintergrund seine Flucht antritt, sodass der Regisseur im eigenen Film «die Story verpasst».
Der Auftritt ist typisch lakonisch: Hitchcock als Teil der sensationsgierigen Medienmasse, die so sehr aufs Bild fixiert ist, dass sie den eigentlichen Vorgang vor ihrer Nase übersieht.
Production Facts
-
Der Film basiert auf Josephine Teys Roman «A Shilling for Candles», wurde aber von Drehbuchautor Charles Bennett stark umgebaut: Die Ermittlerfigur Inspector Grant wurde gestrichen, die junge Erica zur eigentlichen Hauptfigur neben dem unschuldig Verfolgten erhoben.
-
Gedreht wurde vor allem in britischen Studios (u.a. Pinewood) mit einigen Aussenaufnahmen an der Küste; das Finale mit der spektakulären Kranfahrt im Hotelballsaal gehört zu den technisch aufwendigsten Einstellungen im britischen Kino der 1930er Jahre.
-
«Young and Innocent» entstand in Hitchcocks Spätphase bei Gaumont British und gilt als eine Art Vorläufer von «The 39 Steps» und später «North by Northwest»: ein unschuldig Verfolgter, eine widerwillige Partnerin, Humor und Suspense in rascher Folge.
Fun Facts
-
Nova Pilbeam war beim Dreh erst etwa 17 Jahre alt, während Derrick De Marney schon Anfang 30 war – die deutlich jüngere, aber resolute Heldin verleiht der Liebesgeschichte einen leicht verschobenen, fast schelmischen Ton.
-
In zeitgenössischen US‑Kinos lief der Film unter dem Titel «The Girl Was Young», um die romantische Komponente stärker zu betonen und das Publikum klarer anzusprechen.
-
Hitchcock war selbst so stolz auf die finale Kransequenz, dass er sie in späteren Gesprächen häufig beschrieb – gleichzeitig witzelte er, er wisse gar nicht, was nach diesem perfekten «Mörder‑Reveal» noch kommen solle.
Pannen & Patzer
-
Die Zeitungsberichte über den Mord an Christine Clay sind datenseitig inkonsequent: Eine Ausgabe trägt das Datum Freitag, 3. September 1937, die nächste ist als Montag, 6. September datiert, obwohl der tatsächliche Kalender dieses Jahres nicht zu dieser Kombination passt.
-
In einigen Miniatur‑ und Modellaufnahmen (Auto auf Brücke, Zug darunter) erkennt man deutlich, dass es sich um Modelle handelt: Die Bewegungen des Wagens sind ruckartig, die Beleuchtung unnatürlich, und beim Heranfahren an ein verstecktes Auto sieht man kurz starre, bemalte Figuren, bevor in den Schauspiel‑Close‑up geschnitten wird.
-
Bei einer Brückenfahrt zieht der Schnellzug im Hintergrund ein deutlich sichtbares Kabel oder Seil hinter sich her, das offenkundig zur Bewegung des Modellzugs dient – ein technischer Trick, der im fertigen Bild nicht hätte zu sehen sein sollen.
1937
1. November 1937
83 Minuten