Plot
Der Londoner Staranwalt Anthony Keane wird von Sir Simon Flaquer gebeten, die Verteidigung der schönen, rätselhaften Witwe Maddalena Anna Paradine zu übernehmen, der vorgeworfen wird, ihren deutlich älteren, erblindeten Ehemann, Colonel Paradine, vergiftet zu haben. Obwohl Keane seit elf Jahren mit der verständnisvollen Gay glücklich verheiratet ist, fühlt er sich von Beginn an unwiderstehlich zu seiner neuen Mandantin hingezogen und idealisiert sie als unschuldiges Opfer, das es um jeden Preis zu retten gilt. Gay erkennt früh die Gefahr dieser Obsession, drängt ihn aber dennoch, den Fall aus Pflichtgefühl zu übernehmen, in der Hoffnung, sein moralischer Kompass werde ihn schon schützen.
Während der Prozessvorbereitung beginnt Keane, in der Vergangenheit der Paradines zu graben und stösst auf den schweigsamen Diener André Latour, der den Colonel bis zu dessen Tod betreut hat. In Latours kühler Distanz und offener Verachtung gegenüber Mrs. Paradine wittert Keane einen alternativen Täter, einen Mann, der aus Hass oder Eifersucht gehandelt haben könnte. Gegen den ausdrücklichen Wunsch seiner Mandantin baut er die Verteidigungsstrategie darauf auf, Latour vor Gericht zu belasten und ihn als wahren Mörder zu präsentieren, überzeugt davon, dass er Maddalena nur so retten kann.
Im Old Bailey entfaltet sich ein zermürbendes Duell: Keane treibt Latour in der Zeugenbefragung immer stärker in die Enge, bis dieser unter der moralischen und öffentlichen Belastung zusammenbricht. Kurz darauf trifft die Nachricht ein, dass Latour sich das Leben genommen hat – ein indirektes Ergebnis von Keanes rücksichtsloser Taktik. Anstatt dankbar zu sein, begegnet Mrs. Paradine ihrem Anwalt nun mit kalter Verachtung: Auf dem Zeugenstand erklärt sie, Latour sei ihr Geliebter gewesen und Keane habe den einzigen Menschen zerstört, den sie wirklich liebte.
In einem bitteren Wendepunkt gesteht sie offen, ihren Ehemann tatsächlich vergiftet zu haben, um mit Latour frei zu sein, und macht Keane vor Gericht zum moralischen Mit-Täter an Latours Tod. Der Anwalt, innerlich zerrissen zwischen verletzter Leidenschaft, Schuld und beruflicher Ehre, scheitert nun endgültig daran, seine Mandantin zu retten und erlebt vor den Augen aller seine persönliche und professionelle Demütigung. Nach dem Urteil bleibt ihm nur, sich seiner Frau zu stellen, die seine Schwäche mit schmerzhafter Klarheit, aber auch mit einer Spur von Mitgefühl betrachtet – während Mrs. Paradine, verurteilt und entlarvt, im Gefängnis ihrem Schicksal entgegengesehen hat.
Cameo
Alfred Hitchcock tritt in «The Paradine Case» etwa nach gut einer halben Stunde in einer kurzen, aber markanten Einstellung an einem Bahnhof in Erscheinung. In einer Szene an einem Cumbrian Railway‑Bahnhof steigt er als beleibter Reisender aus einem Zug, eine Cello‑Hülle unter dem Arm, und läuft rauchend über den Bahnsteig, ohne in die Handlung einzugreifen, eher wie ein beiläufiger Teil des Reisetrubels.
Die Aufnahme stammt von Dreharbeiten an der realen Station Braithwaite im Lake District, die damals zur Cockermouth‑Keswick‑Penrith‑Linie gehörte und später geschlossen wurde – ein kleiner, heute historischer Blick auf eine verschwundene Eisenbahnwelt.
Production Facts
-
Der Film basiert auf dem Roman «The Paradine Case» von Robert Smythe Hichens; das Drehbuch wurde von David O. Selznick verantwortet, wobei u.a. Alma Reville und James Bridie an der Adaption mitwirkten.
-
Für die Gerichtssequenzen liess man im Studio eine detailgetreue Nachbildung des Londoner Old Bailey errichten, um Hitchcocks genaue Kameraarbeit und die langen Dialogszenen flexibel inszenieren zu können.
-
Der Film war eine aufwendige Selznick‑Produktion: Die Laufzeit wurde von ursprünglich rund 132 Minuten mehrfach gekürzt, bis die heute gängige Fassung von etwa 116 Minuten Länge entstand – sehr zum Missfallen des Regisseurs.
Fun Facts
-
Für die Rolle der Maddalena Paradine war ursprünglich Greta Garbo im Gespräch; sie lehnte jedoch nach einem Screen‑Test ab, wodurch Alida Valli zu ihrem amerikanischen Filmdebüt kam, auch wenn Hitchcock später bestritt, Garbo je konkret angeboten bekommen zu haben.
-
Hitchcock war mit Selznicks Arbeitsweise notorisch unzufrieden und klagte später, der Produzent habe ständig neue Seiten geschrieben und den Darstellern am Morgen direkt am Set überreicht – ein Prozess, den Hitchcock als diametral zu seiner eigenen, stark vorbereitungsorientierten Regiemethode empfand.
-
In diversen Interviews und Rückblicken äusserte Hitchcock, er betrachte «The Paradine Case» eher als «Selznick‑Film», da der Produzent den Stoff massiv umformte und den Ton des Films stärker melodramatisch als suspense‑orientiert prägte.
Pannen & Patzer
-
In einzelnen Gerichtsszenen wechseln Position und Füllstand von Gläsern und Papieren auf den Tischen zwischen Schnittfolgen, ohne dass Figuren etwas sichtbar bewegen – ein klassischer Continuity‑Fehler bei langen Dialogpassagen.
-
Während einer Zeugenbefragung variiert der Standort einer der anwesenden Personen im Zuschauerraum von Einstellung zu Einstellung: Mal sitzt sie in einer Reihe weiter vorn, dann wieder deutlich versetzt, obwohl die Szene als kontinuierlich erzählt wird.
-
Bei einer Aussenaufnahme vor dem Gericht ändert sich der Abstand eines parkenden Wagens zur Treppe in mehreren aufeinanderfolgenden Schnitten; der Wagen «springt» leicht vor und zurück, was auf unterschiedliche Takes und ungenaue Repositionierung am Set schliessen lässt.
1947
31. Dezember 1947
125 Minuten