A Tribute to the Master of Suspense

The Lady Vanishes

Eine Dame verschwindet

Auf einer Zugfahrt durchs fiktive Bandrika freundet sich die junge Iris Henderson mit der älteren Gouvernante Miss Froy an – bis diese plötzlich spurlos verschwindet und alle Mitreisenden behaupten, sie habe nie existiert. Gemeinsam mit Musiker Gilbert sucht Iris nach ihr, entdeckt eine Spionageaffäre um eine verschlüsselte Melodie und muss sich in einem Schusswechsel gegen feindliche Agenten behaupten.
Plot

Im mondänen, aber leicht heruntergekommenen Alpenstaat Bandrika sitzt die wohlhabende Londonerin Iris Henderson mit einer Schar britischer Reisender wegen einer Lawine im einzigen Hotel fest. Während die cricketvernarrten Charters und Caldicott nur an die rechtzeitige Abreise zur nächsten Test‑Match‑Übertragung denken, trifft Iris auf die ältere Gouvernante Miss Froy, die nach vielen Jahren Dienst in Bandrika nach England zurückkehren will.

In der Nacht feiert Iris ihren letzten Junggesellinnenabend, wird von oben herab vom exzentrischen Musikwissenschaftler Gilbert Redman gestört und am nächsten Morgen beim Einsteigen in den Zug von einem herabfallenden Blumentopf am Kopf verletzt – ein Schlag, der später als Erklärung für ihre «Halluzinationen» herhalten soll.

Im Zug teilt Iris ein Abteil mit Miss Froy, die sie fürsorglich mit Tee versorgt und ihr von der Heimat erzählt, während in einem anderen Wagen zwielichtige Gestalten – darunter der scheinbar respektable Anwalt Todhunter, dessen Geliebte und ein italienischer Magier – die Reise antreten. Nachdem Iris kurz eingenickt ist, ist Miss Froy plötzlich verschwunden; noch beunruhigender ist, dass sämtliche Mitreisenden bestreiten, die «englische Dame» jemals gesehen zu haben. Verunsichert durch ihren Kopfstoss, aber entschlossen, nicht «verrückt» zu sein, beginnt Iris auf eigene Faust zu suchen und stösst dabei ausgerechnet auf Gilbert, der sich widerwillig in ihre Geschichte hineinziehen lässt. Schritt für Schritt entdecken die beiden Hinweise: Miss Froys zerbrochene Brille im Gepäckwagen, widersprüchliche Aussagen des Zugpersonals und einen geheimnisvollen Patienten, komplett bandagiert und begleitet von einer Nonne, in der sich eine auffallend elegante Silhouette abzeichnet.

Der kultivierte Arzt Dr. Hartz erklärt Iris gegenüber, sie habe Miss Froy mit dieser Patientin verwechselt, und bietet an, die beiden mit einem Drink zu beruhigen – doch Iris und Gilbert durchschauen, dass die Getränke vergiftet sind, und täuschen Bewusstlosigkeit vor. Es gelingt ihnen, in den Operationswagen einzudringen, wo sich unter den Binden tatsächlich die bewusstlose Miss Froy verbirgt; in einem riskanten Manöver vertauschen sie die Rollen, fesseln Hartz’ Handlanger und provozieren einen Zwischenfall, der zur Abkopplung mehrerer Wagen und schliesslich zum Halt in einer einsamen Gegend führt. Als bewaffnete Truppen auftauchen und den Zug beschiessen, verwandelt sich die Situation in ein improvisiertes Gefecht, in dem die sonst so apathischen Engländer plötzlich zusammenhalten und Barrikaden bauen, während Miss Froy Iris und Gilbert anvertraut, dass sie als Agentin ein geheimes Musikmotiv – eine Melodie mit verschlüsselter Botschaft – nach London bringen muss.

Miss Froy entkommt in die Wälder, und Gilbert prägt sich die Melodie ein, bevor der Zug wieder in Richtung Grenze rollt. In London, nach der Rettung und einer ersten, vorsichtig romantischen Annäherung zwischen Iris und Gilbert, suchen die beiden einen Beamten des Foreign Office auf; dort scheint die Melodie zunächst wie ausgelöscht, bis Gilbert sie, fast beiläufig, doch noch korrekt pfeift – und im selben Moment erscheint Miss Froy, lebendig und angekommen, bereit, ihre unscheinbare, aber kriegswichtige Botschaft zu übergeben. Für Iris wird die Reise, die als letzte sorglose Auszeit vor einer Vernunftehe begann, so zum Beginn eines neuen Lebens mit einem Mann, der ihren Eigensinn ernst nimmt und mit dem sie von nun an weniger vorhersehbare Wege einschlagen wird.

Cameo

Hitchcocks Auftritt in «The Lady Vanishes» ist extrem kurz und bewusst unspektakulär. Ganz am Ende, wenn der Zug in London im Bahnhof Victoria einfährt und sich die Handlung scheinbar entspannt, steht er im Hintergrund der Menschenmenge, im dunklen Mantel und mit Zigarette, und geht von rechts nach links durchs Bild.

Der Cameo dauert nur Sekunden, funktioniert aber wie ein augenzwinkernder Abschiedsgruss: Nachdem der Regisseur den Zuschauer über 90 Minuten an einem engen, klaustrophobischen Setting festgehalten hat, mischt er sich im Moment der «Ankunft in der Realität» selbst unter die anonymen Pendler.

Production Facts
  • Der Film basiert auf Ethel Lina Whites Roman «The Wheel Spins», den das Autorenduo Sidney Gilliat und Frank Launder stark straffte, politische Bezüge modernisierte und um komische Nebenfiguren erweiterte.

  • «The Lady Vanishes» wurde fast vollständig in den Islington Studios in London gedreht; sämtliche Aussenaufnahmen der Zugfahrt entstanden mittels Rückprojektion, was Hitchcock maximale Kontrolle über Timing und Gags in den Waggons gab.

  • Die Figurendoppel Charters und Caldicott wurden eigens für den Film geschaffen und waren so populär, dass sie in weiteren britischen Produktionen und Hörspielen wieder auftauchten – ein frühes Beispiel eines «Shared Universe» im britischen Kino.

Fun Facts
  • Hitchcock nannte den Film später einen seiner Favoriten unter den britischen Werken; der internationale Erfolg half massgeblich, ihn für Hollywood als «Master of Suspense» zu positionieren.

  • Die Grundidee – eine Frau, deren Begleiterin plötzlich verschwindet und von allen geleugnet wird – geht auf eine populäre städtische Legende um ein Pariser Hotel zur Zeit der Weltausstellung zurück, die mehrfach verfilmt und variiert wurde.

  • Charters und Caldicott wurden von Naunton Wayne und Basil Radford so britisch-stoisch angelegt, dass sie selbst im Kugelhagel während der Zugschlacht lieber über Cricket diskutieren – ein Running Gag, der ihr komisches Potenzial für spätere Filme begründete.

Pannen & Patzer
  • Obwohl die Handlung in einem fiktiven mitteleuropäischen Land spielt, sind an mehreren Stellen Eisenbahnaufnahmen klar britisch: Züge fahren auf der «englischen» linken Gleisseite, was im kontinentalen Bahnverkehr untypisch ist.

  • Die Figur der Mrs. Todhunter widerspricht sich selbst: Zunächst erklärt sie, ihr Mann glaube, sie sei auf einer Kreuzfahrt, später sagt sie, sie habe ihm beim Weggehen gesagt, er werde sie nie wiedersehen – ein offensichtlicher Charakter‑ bzw. Dialogfehler.

  • In einer Szene, in der ein Beamter des Foreign Office Iris und Gilbert ins Büro bittet, bleibt er an der Tür stehen; Gilbert hält Iris dann zurück und sagt «wait a minute», doch der Mann reagiert und dreht sich sichtbar schon um, bevor die Zeile überhaupt gesprochen ist – ein Timing‑Patzer im Schnitt.

Erscheinungsjahr
1938
Premiere
1. November 1938
Laufzeit
96 Minuten